Brasilien ermöglicht verkürzte Haftzeit durch Lesen

In Brasilien können Häftlinge ihre Haftstrafe durch Lesen verkürzen. Die Insassen leihen Bücher aus der Gefängnisbibliothek aus und reichen nach dem Lesen eine schriftliche Zusammenfassung ein. Für jede geprüfte Rezension wird die Haftstrafe um bis zu vier Tage reduziert, pro Jahr um maximal 48 Tage.

Recht auf Lesen

Festgelegt ist dies in einem Gesetz des Justizministeriums Brasiliens von 2012. Es basiert auf dem Strafvollzugsgesetz, das 1984 verabschiedet wurde und vorschreibt, dass der Staat Gefangene auf ihre Rückkehr in die Gesellschaft vorbereiten muss. Das Gesetz soll Häftlinge motivieren, ihre Lese- und Schreibkompetenzen zu verbessern und sich intensiver mit Bildung auseinanderzusetzen. So soll ihnen auch die Zeit nach der Haft erleichtert werden, etwa beim Wiedereinstieg ins Arbeitsleben.

Resozialisierung durch Bildungsangebot

Mit rund 900.000 Insassen hat Brasilien die drittgrößte Gefängnispopulation der Welt. Häufig sind die Gefängnisse überfüllt und es kommt zu Gewalt, Erniedrigung und Drogenmissbrauch. Auch um dem entgegenzuwirken, wurde die Möglichkeit der Haftverkürzung durch Lesen eingeführt. Die Koordinatorin für Frauengefängnisse und LGBTQI+-Inklusion in Rio sagt über das Projekt:

“Ich bin der Überzeugung, dass wir als Staat, wenn wir Bildung, Freizeitaktivitäten und Wissen fördern, der Gesellschaft Menschen zurückgeben, die in der Lage sind sich wieder zu integrieren.”

Lesen zeigt Wirkung

Insassin Emily de Souza berichtet von ihren persönlichen Erfahrungen mit dem Angebot:

“Für mich ist das wirklich toll, denn es hilft mir nicht nur, mir die Zeit zu vertreiben, sondern es ist auch eine Art Flucht – eine Gelegenheit, für eine Weile aus dieser Umgebung herauszukommen, über andere Dinge, andere Geschichten und andere Menschen als mich selbst nachzudenken.”

Beim Lesen und Schreiben werden die Teilnehmenden unterstützt, etwa durch gemeinsames Lesen oder Begleitung durch Mitarbeitende. Die Initiative gilt als Beispiel dafür, wie Resozialisierung und Bildung im Strafvollzug miteinander verbunden werden können. Zehntausende Inhaftierte nehmen das freiwillige Angebot in Anspruch. Einer Studie des Brasilianischen Instituts für öffentliche Meinung und Statistik zufolge lesen brasilianische Gefangene neunmal so viel wie der nationale Durchschnitt. 

Ein Gesetz, das buchstäblich Erfolg zeigt.

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Beitragsbild: Pixabay