Ein Gespräch mit Better Police-Gründer Oliver von Dobrowolski
Als langjähriger Polizist hat Oliver von Dobrowolski gelernt, Fragen zu stellen, zuzuhören und Verständnis zu zeigen, anstatt Gewalt anzuwenden. Sein Fazit: Es wirkt. Lösungsansätze für eine soziale – und effektivere – Polizeiarbeit.
Auf dem Weg zum Interview fällt mir am Bahnsteig ein Sticker ins Auge. ACAB prangt da in Großbuchstaben, „All Cops Are Bastards“. Eine Haltung, die in Berlin in bestimmten Kreisen weit verbreitet ist. Umso mehr erstaunt und freut mich die Antwort, die Oliver von Dobrowolski mir ohne Zögern auf die Frage gibt, wie denn die Zivilgesellschaft auf Gesprächsangebote der Polizei reagieren würde: „Das würden die hart feiern, um es salopp zu sagen.“
Oliver von Dobrowolski arbeitet seit knapp 28 Jahren als Polizist und setzt sich fast genauso lange dafür ein, den Polizeiapparat von innen heraus zu reformieren. Sein Ziel: Eine Polizei, die Vertrauen und Dialog über die Ausübung von Gewalt stellt. Erste Ansätze dafür gibt es schon, innerhalb der deutschen Grenzen und darüber hinaus – von Präventionsarbeit zu Eins-zu-eins-Gesprächen zwischen Zivilgesellschaft und Beamt:in über einer Tasse Kaffee.
Für von Dobrowolski muss diese Entwicklung jetzt noch weitergehen. Er selbst folgt dieser Maxime nicht nur in Worten, sondern in Taten. Aus dem täglichen Polizeieinsatz kann er bezeugen, wie viel es bewirkt, Verständnis zu zeigen und zuzuhören, anstatt in die Konfrontation zu gehen.
Verständnis statt Gegenwehr
Konfrontation, das ist genau das Bild, das in den letzten Jahren immer mehr entstanden ist, wenn Polizei und Zivilgesellschaft aufeinandertreffen. Dass es eine wachsende Ablehnung aus der Bevölkerung gibt, ist für von Dobrowolski nicht überraschend, angesichts einiger Vorfälle in den letzten Jahren, die laut ihm dazu beitragen, das Vertrauen in die Polizei zu zerrütten – von „rechten Nazi-Chats zu der elenden Einzelfalldebatte, und natürlich jede Form von illegitimer Polizeigewalt“.
Angesichts verhärteter Fronten gibt es für ihn nur eine sinnvolle Reaktion von Seiten der Polizei: Verständnis zeigen und auf die Gegenseite zugehen.
„Nehmen wir das Bild von zwei Widderböcken, die mit den Hörnern gegeneinander stehen. Warum sollte gerade die Polizei als erstes nachgeben?“, fragt er. Seine Antwort: „Weil es unsere Aufgabe ist. Das ist das, was Rechtsstaat bedeutet. Als Polizei ist es unser staatlicher Auftrag, für alle Menschen da zu sein, auch die, die uns ablehnen.“
Denn genau diesen gegenüber könne man die größten Erfolge erzielen, wenn man sich verständnisvoll zeige, anstatt in die Gegenwehr zu gehen. „Wenn ich das tue, erreiche ich nichts – oder sogar das Gegenteil, nämlich, dass die Person sich bestätigt fühlt“, erklärt von Dobrowolski. „Wenn ich aber auf die Person zugehe und zeige, dass es doch ein diverseres, anderes Bild gibt von Polizist:innen als das, was sie vielleicht haben, kann ich nur gewinnen.“
„Gerade bei weniger gravierenden Delikten kann man sehr viel erreichen, wenn man als Polizist:in zeigt: Ich höre dir zu.“
Empathie statt Abstempeln
Natürlich sei es auf menschlicher Ebene nicht einfach, sich Anfeindungen und Ablehnung gegenüber abzugrenzen, gesteht er ein. Umso wichtiger sei es, offen und tolerant zu bleiben und die Fähigkeit zum Perspektivwechsel beizubehalten.
„Zu versuchen, die Gegenseite nachzuvollziehen und die Gründe hinter deren Handlungen zu verstehen, ist etwas, das ich in meinen Lehrgängen zur Kommunikation gelernt habe“, erklärt von Dobrowolski. Es ist für ihn eine wichtige Grundlage, um zu signalisieren, „dass wir unser Gegenüber nicht abstempeln. Gerade bei weniger gravierenden Delikten kann man sehr viel erreichen, wenn man als Polizist:in zeigt: Ich höre dir zu.“
Er selbst hat dies über mehrere Jahre als Teamleiter einer Brennpunktarbeit erfahren, an sogenannten „kriminalitätsbelasteten Orten“ in Berlin wie dem Alexanderplatz, Kottbusser Tor oder Görlitzer Park. „Man sieht eine Menge Elend, man sieht krasse Szenen“, erinnert sich von Dobrowolski. Eine Herausforderung also, die ihm aber gelegen kam. Denn genau in diesen Situationen habe er noch besser für die Leute da sein und auf sie wirken können: „Ich konnte ihnen zeigen, dass die Polizei auch nahbar und empathisch sein kann“.
Miteinander statt gegeneinander
Dass die meisten Menschen die Polizei eben nicht so wahrnehmen, liege zum Großteil an strukturellen Problemen innerhalb des Apparats, argumentiert Oliver von Dobrowolski. Rassismus, Sexismus, Ungleichbehandlung marginalisierter Gruppen, Vorfälle von Polizeigewalt – von Dobrowolski nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er sich kritisch über die Fehler der Polizei äußert. Damit stößt er auch auf viel Ablehnung. Die Karriere sei „abgestürzt“, seit er begonnen habe, sich aktivistisch zu engagieren. Im Mai erhielt er eine Morddrohung, „vermutlich aus den eigenen Reihen“. Natürlich habe er daraufhin auch in Erwägung gezogen, aufzuhören. Dass er trotzdem weitermacht, ist zu gleichen Teilen idealistischen und finanziellen Gründen geschuldet – und der Hoffnung, den Apparat eben doch irgendwie verändern zu können:
„Neben all den schlimmen Sachen, die ich erfahre, bekomme ich auch viele positive Rückmeldungen von Leuten, die sagen: ‚Du hast mir das Vertrauen zurückgegeben.‘ Innerhalb der Polizei gibt es Beamt:innen, die mich ermutigen, mich nicht stumm machen zu lassen und auch viele, die mir gesagt haben, ich war der Grund, dass sie sich bei der Polizei beworben haben und die jetzt auch im Sinne meiner Ideen ihren Alltag in der Polizei begehen. Immer, wenn ich so etwas höre, bekomme ich ein bisschen Gänsehaut. Ich denke, dafür lohnt es sich dann doch.“
Dass er mit seinem Einsatz auch unter Polizist:innen nicht allein ist, zeigt sich besonders bei Better Police. 2021 gründete Oliver von Dobrowolski die Organisation, nachdem er sich zuvor lange bei „Polizei Grün“ engagiert hatte. Die Entscheidung war eine bewusste Wahl für Inklusion. Better Police ist eine Vereinigung, die sich, anders als Polizei Grün, nicht nur an Polizist:innen richtet, sondern „an alle Mitglieder der Gesellschaft, die Servicekraft, die Studentin, die Journalistin und den Pensionär, der sein Enkelkind von der Kita abholt“, erklärt Oliver von Dobrowolski.

Anfangs habe er Angst gehabt, diesem Anspruch nicht gerecht zu werden. Stattdessen sei genau das eingetreten, was er sich erhofft habe: „Wir haben totale Parität von Leuten aus der Gesellschaft, die zum Teil auch aktivistisch sind, und Polizist:innen. Und wir sind sehr divers besetzt, der Vorstand besteht zur Hälfte aus Frauen und zur Hälfte aus Menschen mit Migrationsgeschichte.” Damit symbolisiert Better Police ein Positivbeispiel für das, was von Dobrowolski in der Polizei fehlt: der Dialog mit der Gesellschaft.
Spätestens seit sein kritischer Social-Media Post zum Fehlverhalten der Polizei beim G20-Gipfel in Hamburg – bei dem er selbst vor Ort im Einsatz war – viral ging, steht Oliver von Dobrowolski als „linker Vorzeigebulle“ in der Öffentlichkeit. Seine Kritik ist hart, aber auch konstruktiv. Das Ziel: „die Polizei zu verbessern, indem man sie toleranter, weltoffener macht, zu einer Institution, die kritikfähig ist und die auch zuhört“.
Gemeinsame Aufarbeitung statt Vertuschung
Eine offene und kritische Auseinandersetzung mit der Polizei, das ist es, was von Dobrowolski und Better Police bewirken wollen. Ein großer Teil davon ist der Umgang mit Fehlverhalten innerhalb der Polizei. Schon viel zu lange werde der Polizei Unfehlbarkeit attestiert und oft sogar regelrecht von ihr eingefordert, erklärt von Dobrowolski. Das sei ein enormes Problem, denn: „Wir sind keine fehlerfrei agierende Institution. Wir sind Menschen, und wo Menschen arbeiten, passieren Fehler. Das ist eigentlich etwas Gutes, denn aus diesen Fehlern könnte man lernen und organisationskritisch sein. Aber zum großen Teil werden Fehler totgeschwiegen.“
„Wir müssen akzeptieren, dass die Polizei nicht unfehlbar ist. Dass wir Fehler machen und dass wir, wenn das geschieht, dazu stehen.“
Die Ausgrenzung von Leuten, die innerhalb der Polizei auf Fehlverhalten aufmerksam machen, hat Oliver von Dobrowolski selbst erfahren. Für Menschen aus der Zivilgesellschaft sei es häufig noch gravierender, wenn sie Fehlverhalten der Polizei melden wollten – denn dafür werden sie ironischerweise zur Polizei geschickt. Es gibt allerdings auch Möglichkeiten für Betroffene illegitimer Polizeigewalt oder polizeilichen Fehlverhaltens, sich von externen Stellen beraten und weiterhelfen zu lassen, beispielsweise Ombudsstellen, Polizeibeauftragte und externe Untersuchungsstellen.
Oliver von Dobrowolski sieht die Kritik, dass solche externen Stellen unter Umständen der Polizei gegenüber voreingenommen sein könnten, wenn sie zu großen Teilen durch Menschen aus dem aktivistischen Spektrum besetzt seien, als durchaus gerechtfertigt – für ihn ist es aber auch eine große Chance zur Zusammenarbeit. Es brauche eine Innenansicht und polizeiliche Expertise, diese könne durch ehemalige oder beurlaubte Polizist:innen gegeben werden. So könnten externe Stellen von der Polizei gestärkt werden – ein Miteinander, statt ein Gegeneinander, das wiederum den Dialog stärken kann.
Proaktiv statt reaktiv
Auch für das fehlende Vertrauen in die Polizei hat Oliver von Dobrowolski Lösungsansätze. Die Polizei müsse die Ohren aufmachen, fordert er, das bedeute „konkret auf die Institution gemünzt, dass wir nicht mehr über die Leute sprechen dürfen, sondern wir müssen mit ihnen sprechen.“ Marginalisierte Communities, darunter Menschen mit Migrationsgeschichte oder queere Personen, hätten häufig kein Vertrauen in die Polizei, weil sie nicht nur gute Erfahrungen gemacht hätten – „da können wir proaktiv tätig sein, nicht nur reaktiv oder repressiv“.
Proaktiv bedeutet beispielsweise Prävention, darunter fällt auch die Sensibilisierung von Menschen über Öffentlichkeitsarbeit, „von so Dingen wie dem Fahrradführerschein bis dahin, dass wir als Polizist:innen in Senioreneinrichtungen gehen und dort über den Enkeltrick aufklären. All das sind Sachen, die uns als Staat, als Polizei den Menschen näherbringen.”
Leider sei es schwieriger zu bemessen, wie viele Straftaten verhindert werden, als zu bestimmen, wie viele begangen werden. Darum sei Präventionsarbeit „im Vergleich zu knallharter Repression nicht so sexy“, erklärt Oliver von Dobrowolski. Doch es gebe in Deutschland schon viele Positivbeispiele für gute Präventionsarbeit. In Hessen und NRW beispielsweise bestehen seit Jahrzehnten Landespräventionsräte oder auch kommunale Präventionsräte. Als Forum für das Zusammentreffen von Menschen und Polizei seien sie „sehr erfolgreich“.
Eine weitere Möglichkeit wäre, dass geschulte Beamt:innen aus Präventions- oder Öffentlichkeitsarbeit gezielt Stellen gesellschaftlicher Teilhabe aufsuchen, darunter Nachbarschaftstreffs oder Frauenhäuser, um konkret nach Möglichkeiten zu fragen, wie die Polizei mit ihnen zusammenarbeiten könne.
Kaffee statt Handschellen
Es klingt so einfach: nachzufragen, was besser gemacht werden könnte. Und letztendlich sei es das auch, zumindest auf individueller Ebene, erklärt Oliver von Dobrowolski. Er selbst frage, ob auf der Wache oder auf der Straße, immer am Ende des Gesprächs nach, ob er noch etwas tun könne, um zu helfen, und stelle vor allem die Frage: „Fühlen Sie sich gut behandelt?“
Als ich wissen will, wie denn die Reaktionen der Menschen auf diese Fragen ausfielen, lacht von Dobrowolski: „Oft sind die Leute beinahe irritiert, im positiven Sinne. Die meisten freuen sich, sind aber auch verwundert; manche denken auch, ich will sie verscheißern.“ Das zeige natürlich auch, dass noch mehr Dialog zwischen Polizei und Bürger:innen nötig sei, um Vertrauen zu schaffen.
Tatsächlich gibt es bereits mehrere Dialogformate, bei denen Polizei und Zivilgesellschaft ins Gespräch kommen können, darunter beispielsweise das Konzept der mobilen Wachen, wo Beamt:innen an verschiedenen Orten der Stadt über einen Tag Fragen der vorbeikommenden Menschen beantworten. Hier müsse aber durch interne Fortbildungen unter den Beamt:innen noch größeres Verständnis dafür geschaffen werden, wie hilfreich und wertvoll dieses Austauschformat sein könne, so von Dobrowolski.
In anderen Ländern sind Formate wie „Meet a Cop“ bereits gut etabliert. Dabei trifft eine Person aus der Zivilgesellschaft meist, wie es der Name schon sagt, eine Polizistin oder einen Polizisten einfach auf einen Kaffee. „Das finde ich großartig, weil man da wirklich auf Augenhöhe sprechen kann und nicht nur als Uniform gesehen wird“, berichtet von Dobrowolski begeistert. Das Angebot komme bei der Bevölkerung auch sehr gut an. Die Gewissheit nimmt er zum einen aus seinem täglichen Dienst, wo er nach anfänglicher Verwunderung der Menschen, plötzlich einen Polizisten in Uniform herumlaufen zu sehen, fast immer die Rückmeldung bekommt: „Toll, dass Sie hier sind und sich kümmern!“
Nicht nur „Riesennachfrage“, sondern auch langfristig wirksam
Zahlreiche aktuelle Studien belegen, dass der Ansatz nicht nur auf breite Zustimmung trifft, sondern darüber hinaus langfristig zu mehr Kooperation und weniger gewaltsamen Auseinandersetzungen führt.
Was im Kleinen funktioniert, klappe erst recht in einem größeren, besser organisierten Rahmen, so von Dobrowolskis Erfahrung: „In den vielen Jahren, in denen ich in der Kriminalprävention gearbeitet habe, konnte ich bezeugen, dass eine riesige Nachfrage nach Angeboten der Polizei besteht. Von Antigewaltveranstaltungen in Schulen zu Seniorensicherheitsberatung und Fahrradkennzeichnungen als Diebstahlprävention, solche Angebote sind total angesagt.“
Und ja, es funktioniert auch in den aufgeladenen Situationen, ist sich Oliver von Dobrowolski nach nun fast 28 Jahren im Einsatz sicher. „Gerade den Menschen, die der Polizei verhalten gegenüberstehen, müssen wir zeigen: ‚Wir sind für euch da.‘ Dann werden wir damit Erfolg haben.“

Oliver von Dobrowolski ist langjähriger Polizist, Aktivist, Sachbuchautor und Gründer von Better Police. Die Organisation bietet eine Plattform, über die sich Polizist:innen und Mitglieder der Zivilgesellschaft über Ideen zur Verbesserung der Polizei austauschen können. Das Ziel: eine menschlichere, sozialere und verständnisvollere Polizei.
Sein Buch „Ich kämpfe für eine bessere Polizei“, verlegt bei S. Fischer, gibt es als E-Book für 16,99 Euro hier und überall im Handel.
Buchcover: © S. Fischer Verlage
Beitragsbild und alle weiteren Bilder: Oliver von Dobrowolski / Andreas Schmidt

