In diesem investigativen Format schicken wir unsere Reporter:innen dahin, wo Menschen im Auftrag des Staates gütekräftig und voller Fürsorge agieren könnten. Was tun, wenn Hilfe leicht und effektiv wäre, aber Strafe droht? Die Held:innen unserer Reportagen handeln tagtäglich in einem rechtlichen Graubereich – und zeigen zugleich, wie Menschlichkeit dort wirkt, wo Vorschriften enden. Aus Gründen des Schutzes der Beteiligten bleiben unsere Autor:innen und die genannten Personen daher anonym, die Namen sind verfälscht.
Eine orientierungslose Seniorin, ein kühler Herbstabend – und zwei Polizist:innen, die anders handeln, als die Vorschrift es verlangt. Sie bringen die Frau selbst nach Hause – eine kleine Entscheidung mit großer Wirkung: über Fürsorge, Vertrauen und Güte im Ermessensraum.
Es ist ein kühler Herbstabend im Nordwesten einer mittleren Stadt im Westen Deutschlands. Der Wind treibt Laub über die Gehwege eines Mehrfamilienhausgebiet, die Laternen werfen ein blasses Licht auf parkende Autos. Gegen 22 Uhr ruft eine Anwohnerin die Polizei: Eine alte Frau gehe seit geraumer Zeit suchend über die Straße, ohne Ziel, ohne Jacke, offenbar orientierungslos.
Wenig später hält ein Streifenwagen. Zwei Beamt:innen steigen aus. Im Licht der Scheinwerfer steht eine zierliche Frau, vielleicht Ende achtzig, mit dünnem grauem Haar, das der Wind aufwirbelt. Ihre Hände zittern, als sie sich an eine Gartenmauer lehnt. Mal spricht sie leise, fast flüsternd, dann wieder aufgeregt: „Ich muss nur kurz nach Hause, meine Tochter wartet …“ Doch sie weiß nicht, in welcher Straße sie ist.
Wenn das Zwischenmenschliche unkomplizierter ist
Furkan*, der gerade erst auf Lebenszeit verbeamtet wurde, redet ruhig mit der Frau. Er stellt einfache Fragen, vermeidet es, die vermutlich demenzkranke Frau zu bedrängen. Seine deutlich dienstältere Kollegin Anna* bietet ihr eine Decke aus dem Wagen an. Furkan bespricht sich kurz mit seiner Kollegin. Er weiß, dass nun eigentlich ein Krankentransportwagen (KTW) gerufen werden muss. Seine Kollegin stimmt ihm zu, sagt aber, dass in einem solchen Fall die zwischenmenschliche Geste im Sinne der Fürsorge auch die unkomplizierteste und richtige ist: die Frau nach Hause zu fahren. (* Namen geändert)
„Eigentlich besagt die Vorschrift, dass wir einen Krankentransport rufen müssen – aber sie hätte da draußen gefroren. Und ehrlich gesagt: Wir wussten, dass das so das Richtige war.“
Sie wenden sich der Seniorin freundlich zu und bieten ihr die Heimfahrt an. Der Innenraum des Streifenwagens leuchtet warm, fast beruhigend in der Dunkelheit. Die Frau zögert kurz, bevor sie einsteigt. Im Wagen spricht sie wieder klarer – ein Satz nach dem anderen, als ordne sich die Welt langsam neu. Annas Statement spricht für sich: „Eigentlich besagt die Vorschrift, dass wir einen Krankentransport rufen müssen – wegen der Versicherung, Haftung, all dem. Aber sie hätte da draußen gefroren. Und ehrlich gesagt: Wir wussten, dass das so das Richtige war.“
Die Fahrt dauert nur wenige Minuten. Furkan und Anna klingeln bei einer Wohnung, die Tochter öffnet, Tränen und Erleichterung mischen sich in ihrem Gesicht. „Ich wusste nicht mehr, wo sie war“, sagt sie. „Ich bin einfach nur dankbar.“
Die Regeln sollen Menschen schützen
Die beteiligten Polizist:innen möchten anonym bleiben. Ihre Entscheidung bewegt sich in einem rechtlichen Graubereich: Formal dürften sie keine Personen befördern, die medizinisch betreut werden müssten. Doch ihr Handeln verletzte keine Regel im eigentlichen Sinn – es diente dem, was die Regel eigentlich schützen soll: dem Menschen.
„Solche Situationen kommen öfter vor, als man denkt“, sagt eine Beamtin aus einer anderen Stadt. „Manchmal entscheiden Sekunden, ob jemand Hilfe bekommt oder nicht. Wir wägen ab, nicht leichtfertig, sondern menschlich.“
Warum Güte – und warum kräftig
Diese Szene ist mehr als eine freundliche Geste. Sie zeigt, was Güte und Fürsorge im institutionellen Alltag bedeuten können: nicht Mitleid, sondern Verantwortung. Nicht Nachsicht, sondern Urteilskraft. Sie ist kräftig, weil sie Wirkung entfaltet – praktisch, emotional, sozial.
„Begegnungen zwischen Bürger:innen und Polizei, die nicht auf Kontrolle, sondern auf Fürsorge beruhen, erhöhen das Vertrauen in staatliche Institutionen signifikant.“
Die Seniorin musste nicht stundenlang auf einen Krankentransport warten, sich nicht in der Dunkelheit verlieren. Angehörige wurden entlastet, das Vertrauen in die Polizei gestärkt. Eine einzelne Entscheidung hat eine kleine Kette von Folgen ausgelöst, die kaum messbar, aber spürbar sind.
Eine Studie der Yale University zeigt, dass Begegnungen zwischen Bürger:innen und Polizei, die nicht auf Kontrolle, sondern auf Fürsorge beruhen, das Vertrauen in staatliche Institutionen signifikant erhöhen. Solche „Community-Oriented Interactions“ verändern die Wahrnehmung beider Seiten – sie machen sichtbar, dass Macht und Menschlichkeit sich nicht ausschließen müssen.
„Güte ist im Verwaltungsrahmen nicht so einfach vorgesehen, aber sie ist das, was Regeln lebendig hält.”
Zwischen Vorschrift und Verantwortung
Ein Dozent einer Polizeihochschule, den wir um eine Einordnung bitten, beschreibt den Fall als „moralisch stimmig” und „institutionell herausfordernd“. Er sagt: „Güte ist im Verwaltungsrahmen nicht so einfach vorgesehen, aber sie ist das, was Regeln lebendig hält. Ohne Ermessensräume würde kein System menschlich funktionieren. Regeln sind für den Menschen da, nicht der Mensch für die Regeln. Letztlich ist das die Herausforderung aller Polizist:innen: die Polizei als Institution soll Regeln um ihrer selbst willen durchsetzen. Von demokratischen Bürger:innen in Uniform erwarten wir aber die Reflexion über den Sinn hinter den Regeln.“
Die Beamt:innen, die an jenem Abend entschieden, die alte Frau nach Hause zu bringen, haben das System nicht umgangen, sondern ausgefüllt. Ihre Entscheidung war kein Akt der Willkür, sondern ein Akt der Verantwortung und Fürsorge – getragen von Erfahrung, Empathie und Mut, im entscheidenden Moment das Richtige zu tun.
Ein stilles Vertrauen
Wenn man heute an diesem Wohnblock vorbeigeht, erinnert nichts mehr an jene Nacht. Und doch bleibt etwas: die stille Ahnung, dass Güte im Alltag kein Ideal ist, sondern eine Kraft, die wirkt. Die Angehörigen rufen auf der Wache an und danken für die sichere Heimfahrt ihrer Mutter und Oma. Furkan erzählt seiner Kollegin Anna später auf Streife von dem Telefonat, beide lächeln still.
Dieser Text bewegt sich bewusst im Spannungsfeld verantwortlicher Entscheidungen innerhalb staatlicher Praxis. Die weitergehende Frage, wie Beamt:innen handeln sollen, wenn Fürsorge und Vorschrift, Recht und Gewissen auseinanderfallen – insbesondere dort, wo Anweisungen dem Geist des Grundgesetzes widersprechen –, geht darüber hinaus und verdient eine eigene, vertiefte Auseinandersetzung. Denn Beamt:innen sind dem Grundgesetz und dem darin verbrieften Menschenbild verpflichtet.
Gemeinsam den Fokus auf Menschlichkeit verschieben
Norwegens Haftsystem mit seinem Fokus auf Vertrauen, Normalität und Resozialisierung gilt in Europa als vorbildhaft und ist besonders gütekräftig. Als Partner unterstützt Norwegen andere europäische Länder bei der Reform ihrer Haftsysteme – wie bei den „Green Prisons“ in Bulgarien.
Natürlich lässt sich Norwegens System nicht eins zu eins auf andere Länder übertragen. Jedes Land steht vor eigenen sozialen und politischen Herausforderungen. Doch insbesondere die im Vergleich äußerst niedrige Rückfallquote von Inhaftierten veranlasst immer mehr europäische Staaten, das klassische Haftsystem, welches Gefängnis einzig als Bestrafung sieht, zu hinterfragen.
Stattdessen wird ein humanerer Strafvollzug angestrebt, wie in Norwegen: Haft ist dort mehr als eine Strafe. Gefängnisse existieren in Norwegen nicht abgegrenzt von der Gesellschaft, sondern kommen ihr möglichst nahe. In Haftanstalten wie Bastøy oder Halden bewegen sich die Gefangenen überwiegend frei. Sie kochen selbst, kümmern sich um ihre Wäsche, gehen arbeiten oder zur Schule und übernehmen Verantwortung. Denn auch wenn die Gefangenen ihre Freiheit verlieren, sollen ihre anderen sozialen Grundrechte so weit wie möglich erhalten bleiben.
Der Erfolg dieses Systems ist messbar. Die Rückfallquote liegt in Norwegen bei unter 20 Prozent innerhalb von zwei Jahren, in Bastøy sogar bei nur 16 Prozent.
In vielen anderen europäischen Staaten liegt sie hingegen zwischen 50 und 70 Prozent. Das möchte EEA- und Norway Grants ändern.
Norway Grants: Menschlichkeit als Exportschlager
Seit mehr als zwei Jahrzehnten arbeiten Island, Liechtenstein und Norwegen im Rahmen der EEA- und Norway Grants eng mit Partnerländern in der Europäischen Union zusammen. Ziel dieser Zusammenarbeit ist es, soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten in Europa zu verringern und den Austausch innerhalb Europas zu stärken. Grundlage dieser Kooperation sind gemeinsame europäische Werte: Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und die Achtung der Menschenrechte. EEA- und Norway Grants unterstützt derzeit 15 EU-Mitgliedsstaaten, vor allem in Mittel- und Osteuropa.
In Projekten, die von Klimaschutz über Bildung bis hin zu Justizreformen reichen, zeigt sich Norwegens Verständnis von internationaler Gütekraft. Wo Konkurrenz und Vorbehalt vorherrschen könnten, zeigt sich stattdessen Vertrauen, Wissenstransfer und die Förderung von Selbstwirksamkeit.
„Durch den EEA Civil Society Fund leistet Norwegen einen wichtigen Beitrag dazu, ein lebendigeres, widerstandsfähigeres und demokratischeres Europa zu schaffen. Kein Land allein kann Demokratie bewahren und die Zivilgesellschaft schützen. Norwegen fühlt sich verpflichtet, dies gemeinsam mit der Europäischen Union zu tun.“ Espen Barth Eide, Außenminister Norwegens
Ein Projekt von Norway Grants widmete sich in den Jahren 2014 bis 2021 dem Aufbau eines modernen Haftsystems in Bulgarien. Der dortige Strafvollzug soll mithilfe von Norway Grants weiterentwickelt werden und mehr auf Resozialisierung statt Bestrafung setzen. Bulgarien ist eines von vielen Ländern, das bei der Umsetzung dieses Prinzips von Norwegen unterstützt wird. Dort entstand das Projekt der sogenannten Green Prisons mit offenen Vollzugsformen, Arbeit und Bildung als Kernelementen der Resozialisierung und einem Fokus auf Nachhaltigkeit.
Grüne Gefängnisse in Bulgarien
Ein Ergebnis des Projekts: die Entwicklung der „Green Prisons“ in den Haftanstalten Belene und Pleven in Bulgarien. In diesen Gefängnissen soll ökologische Nachhaltigkeit mit sozialer Wiedereingliederung verbunden werden. Vorgesehen ist die Installation einer Photovoltaikanlage, die die Gebäude und Werkstätten mit Strom versorgt. Außerdem soll eine eigene Wasserquelle geschaffen werden, die auch Warmwasser bereitstellt. Die Gefängnisse sollen energieeffizienter werden und zugleich neue Lern- und Arbeitsfelder für die Inhaftierten schaffen. Schulungen in nachhaltiger Landwirtschaft, Recycling und erneuerbaren Energien sollen Häftlingen helfen, nach ihrer Entlassung beruflich Fuß zu fassen.
Über die „Green Prisons“ sagt Ivailo Yordanov, General Directorate for the Execution of Sentences und damit höchster Beamter im bulgarischen Justizvollzug:
„Ich bin der Überzeugung, dass die räumliche Umgebung nur ein Teil der komplexen Betreuung ist, die Gefangene benötigen. Dennoch haben Gestaltung und Aufbau eines Gefängnisses einen erheblichen Einfluss auf das Verhalten der Menschen. Wenn Elemente wie Natur, Grünflächen, Farben und Licht einbezogen werden, kann das die Gesundheit der Inhaftierten verbessern, Stress mindern und Aggressionen reduzieren.”
„Großer Schritt in die Zukunft“
Über Norway Grants wird die Finanzierung des Projektes sichergestellt, gleichzeitig arbeitet der norwegische Strafvollzugsdienst eng mit der bulgarischen Generaldirektion für den Strafvollzug zusammen. Das Gefängnis Åna bei Stavanger in Norwegen dient als Modellanstalt. Norwegische Expert:innen schulen bulgarisches Personal in Resozialisierung, nachhaltiger Landwirtschaft und Energieeffizienz, während bulgarische Mitarbeitende im Gegenzug norwegische Haftanstalten besuchen.
Die „Green Prisons“ zeigen, dass die Idee eines humaneren Strafvollzugs auch außerhalb Skandinaviens Wurzeln schlägt – angepasst an lokale Bedingungen, aber getragen von derselben Überzeugung: Resozialisierung gelingt, wenn Menschen Verantwortung übernehmen und Sinn in ihrer Arbeit finden.
Der Gefängnisleiter der Haftanstalt in Pleven, Stafan Stefanov, betont die Bedeutung der „Green Prisons“ für ganz Bulgarien:
„In Zusammenarbeit mit unseren Kolleginnen und Kollegen aus Norwegen werden wir nun einen großen Schritt in die Zukunft machen – denn diese beiden Gefängnisse werden die Zukunft des gesamten bulgarischen Strafvollzugssystems prägen.“
Bereits 2014 startete ein Vorgänger des „Green Prisons“-Projektes in Sofia, ebenfalls mit Unterstützung aus Norwegen.
Europas Haftsysteme im Wandel
Die europäischen Reformprojekte beweisen, dass Norwegens Ansatz keine Idealvorstellung ist, sondern gelebte Realität werden kann, auch außerhalb Skandinaviens.
Ivailo Yordanov, General Directorate for the Execution of Sentences, beurteilt die Zusammenarbeit so:
„Durch unsere Beteiligung an internationalen Initiativen haben wir die Möglichkeit gewonnen, zu verstehen, dass sich Gefängnissysteme weltweit zwar unterscheiden, die Gemeinsamkeiten zwischen ihnen jedoch deutlich zahlreicher sind – denn die Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen, sind im Wesentlichen die gleichen.“
Durch EEA- und Norway Grants entsteht in Europa ein Netzwerk des Vertrauens, getragen von der Überzeugung, dass ein humaner Strafvollzug nicht nur den Einzelnen, sondern auch die Gesellschaft sicherer macht. Aus dem skandinavischen Modell ist ein europäisches Lernprojekt geworden.
Die Geschichte von Isaac Wright Jr. ist vielleicht eine der spannendsten und gütekräftigsten unserer Zeit: Vom Musikproduzenten zum lebenslang Inhaftierten, vom Gefangenen zum Anwalt – und schließlich zum Hoffnungsträger für Unschuldige im ganzen Land, der positiv auf den Rechtsstaat einwirkt.
Im ersten Teil dieser Serie haben wir gesehen, wie Isaac Wright Jr. zu Unrecht als Drahtzieher eines Drogennetzwerks verurteilt wurde und mehr als sieben Jahre aus dem Gefängnis heraus für Gerechtigkeit kämpfte. Dabei nutzte er geschickt die Instrumente, die ihm der Rechtsstaat an die Hand gab: Er erhielt die Chance, sich im Gefängnis juristisch weiterzubilden, was es ihm ermöglichte, Verfahrensfehler aufzudecken und seine Unschuld zu beweisen.
Im zweiten Teil erlebten wir den nervenaufreibenden Revisionsprozess, der sich für Wright Jr. jahrelang hinzog. Schlussendlich setzte der Staat jedoch Justizreformen um, die in der vollständigen Rehabilitierung Wright Juniors resultierten. Richter baten um Entschuldigung für grobe Fehler, und das System konnte sich von innen reinigen.
Doch die Geschichte von Wright Jr. endet nicht mit der Freiheit und dem Beweis seiner Unschuld. Der dritte und letzte Teil unserer Serie zeigt den Beginn eines neuen Kapitels seines Lebens: Wright Jr. schwört sich, fortan als Anwalt Unschuldige zu beschützen und so auf den Rechtsstaat einzuwirken, dass ein Fall wie seiner sich niemals wiederholt.
Teil 3: Isaac Wright Jr. als Anwalt der Unschuldigen
Trotz des Unrechts, das ihm widerfahren ist, sieht Isaac Wright Jr. die Schuld keineswegs im System oder beim Staat. Im Gegenteil, er verteidigt die Konstitution mit Vehemenz und besteht darauf, dass das System funktioniert:
„Wir haben Verfassungen in den einzelnen Bundesstaaten und die Verfassung der Vereinigten Staaten, die uns nicht nur bedeutende Rechte und Schutz vor staatlicher Unterwanderung gewähren, sondern auch ALLE staatlichen Rechte für uns alle vorbehalten.“
Nicht das System sei das Problem, sondern einzelne Menschen, die sich über die Gesetze und die Verfassung hinwegsetzen und ihre Macht missbrauchen, betont Wright Jr. 2023 in einem Interview.
„Das System ist so konzipiert, dass es uns allmächtige Macht über die Regierung verleiht. Aber wenn das System von Menschen geführt wird, die diese Macht auf sich selbst übertragen wollen, die lieber herrschen als dienen, die Strafe statt Lösung fördern, die Hass schüren, um Toleranz auszumerzen, die Spaltung anstacheln, um Kontrolle auszuüben, und die blenden, um zu stehlen … Dann haben Sie eine Nation, die von Chaos heimgesucht wird.“
Erst am Anfang: Chance auf ein zweites Leben
An einem eisigen Dezembertag, siebeneinhalb Jahre nach seiner Inhaftierung, verließ Wright Jr. die Haftanstalt durch den Haupteingang. Vor sich her schob er dabei einen Wäschewagen. Neben seinem Computer war dieser beladen mit Kisten voller Akten zu seinen Prozessen. Seine Gefühlswelt im Moment der Freilassung beschreibt der ehemalige Musikproduzent in seiner Biografie „Marked for Life”: „Ich verließ das Gefängnis als veränderter Mensch. Als ich meine Freiheit wiedererlangt hatte, wurde mir klar, dass sie nicht mehr das Einzige war, was zählte.”
Wright Jr. ließen die Menschen nicht los, die ihm im Gefängnis begegnet waren. Viele von ihnen, davon ist er überzeugt, waren wie er zu Unrecht ihrer Freiheit beraubt worden. „Es zog mich wie ein Magnet zurück – zu all den Maurices, O.D.s und Alfreds, die ich dort zurückgelassen hatte. Die Haftentlassung war ein Wendepunkt in meiner Geschichte, aber sie war nicht das Ende.“ Anstatt sich auf dem Triumph seines Erfolges auszuruhen, stellte er sich gewissenhaft die Frage, wie er seinen Wegbegleitern helfen könnte.
„Als ich begann, mein Leben neu aufzubauen, traf ich die einzige Entscheidung, die zu diesem Zeitpunkt Sinn ergab: Ich begann ein Jurastudium. Ich würde mit mehr Lebens- und Prozesserfahrung beginnen als wahrscheinlich jeder andere Studienanfänger auf der Welt. Und ich stand erst am Anfang.“
Ausbildung zum Juristen – und ein Rückschlag
2002 erwarb Wright Jr. einen „Bachelor of Science in Human Services“ an der Thomas Edison State University in Trenton, New Jersey. Zwei Jahre später begann er sein Jurastudium an der St. Thomas University School of Law in Miami, Florida, und schloss dieses 2007 ab. Seine Studiengebühren zahlte er unter anderem von den 480.000 Dollar Entschädigung, die ihm ein Gericht des Bundesstaates im Zuge einer Zivilklage für die zu Unrecht im Gefängnis abgesessenen Jahre zugesprochen hatte.
Mit diesem Akt der Wiedergutmachung erkannte der Staat das Fehlurteil an und verzichtete auf weitere ungerechtfertigte Härten. Finanziell abgesichert, wähnte sich Isaac Wright Jr. nun endgültig auf der Zielgeraden. 2008 legte er die finale Prüfung, das „New Jersey Bar Exam“, ab – und war bereit, sein Leben endlich als Anwalt der Gerechtigkeit zu widmen.
Doch einmal mehr wurde Wright Jr. eine große Hürde in den Weg gelegt, weil einzelne Personen innerhalb des Systems ihm seinen Erfolg missgönnten: Zwischen ihm und seiner Zulassung stand nur noch eine Eignungsbestätigung durch den „Ausschuss für Charakterfragen“. Während dieser Routineakt in der Regel selten länger als ein Jahr dauerte, musste Wright Jr. fast ein ganzes Jahrzehnt darauf warten.
Auch über Umwege kommt man ans Ziel
Trotz der unerwarteten Verzögerungen ließ sich Isaac Wright Jr. nicht entmutigen. Er ergriff die Initiative und gründete ein Beratungsunternehmen, das eng mit der New York City Housing Authority (NYCHA) zusammenarbeitete – einer staatlichen Behörde, die bezahlbaren Wohnraum für einkommensschwache Bevölkerungsgruppen bereitstellt und den Zugang zu sozialen Dienstleistungen fördert. Indem die Behörde Wright Jr. die Möglichkeit zur Zusammenarbeit bot, unterstützte sie sein Engagement gütekräftig und entscheidend zugunsten benachteiligter Gruppen.
2017 schaltete sich im Zulassungsstreit schließlich der Oberste Gerichtshof von New Jersey ein und erlaubte Wright Jr. endlich, als Anwalt zu praktizieren. Damit zeigte die höchstrichterliche Instanz des Staates, dass er dem System zurecht vertraut hatte. Wright Jr. konnte nun sein Wissen und seine Erfahrung einsetzen, um andere zu unterstützen und für Gerechtigkeit einzutreten. Und sein Kampfgeist war ungebrochen.
„Es gibt einige außergewöhnliche Menschen in der Exekutive, Legislative und Judikative, die an der Führung unseres Systems beteiligt sind. Ihre Integrität ist unübertroffen. Wir rufen Sie dazu auf, sich uns anzuschließen, um diejenigen auszusortieren und zu eliminieren, die nicht dazugehören. Wir brauchen Sie in diesem Kampf, damit wir gemeinsam sicherstellen können, dass das beste System der Welt für jeden einzelnen von uns funktioniert, unabhängig von Ethnie, Hautfarbe oder Glaubensbekenntnis.“
Sein unbändiger Wille, konstruktiv auf das System einzuwirken und Schwächeren zu helfen, brachten ihn schließlich ans Ziel. Heute hält er selbst Vorträge vor Studierenden des Rechts und arbeitet als Anwalt. Seine Kanzlei Hunt, Hamlin & Ridley in Newark ist auf Strafrecht, Bürgerrechte und soziale Gerechtigkeit spezialisiert. Der Schwerpunkt seiner Tätigkeit als Rechtsanwalt liegt auf Post-Conviction Relief (PCR), also Verfahren zur nachträglichen Aufhebung oder Milderung von Urteilen, oft bei fehlerhaften Verurteilungen oder unfairen Prozessen.
Er selbst bezeichnet sein juristisches Spezialgebiet gerne als das Bekämpfen von Giganten: „Ich habe aus einem einzigen Grund Jura studiert. Um gegen Bezahlung Giganten zu bekämpfen. Und wenn der Gigant groß genug und die Sache wichtig genug ist, mache ich es sogar kostenlos, insbesondere wenn es darum geht, denen zu helfen, die sich nicht selbst helfen können.“
Ein eindrucksvolles Beispiel ist der Fall von Wayne „Akbar“ Pray, einem Mann, der mehr als 36 Jahre einer lebenslangen Haftstrafe verbüßt hatte, bis Wright Jr. und sein Team im Spätsommer 2024 dessen Freilassung erstritten. „Waynes Freilassung zu erreichen, ist eine meiner bisher größten Errungenschaften“, sagte Wright Jr. damals. Dass er mit seiner eigenen Freilassung und den daraus folgenden Reformen die Grundlage gelegt hatte, empfand er als schicksalhaft. „Hätte ich nicht eine lebenslange Haftstrafe für ein Verbrechen erhalten, das ich nicht begangen habe, wäre Wayne möglicherweise im Gefängnis gestorben.“
Großes Kino mit rechtsstaatlicher Agenda
Isaac Wright Juniors Wirken blieb nicht auf die Gerichtssäle beschränkt: Er nutzte seine Erfahrung auch, um als Redner, Autor und Berater das Bewusstsein für systemische Mängel im Justizwesen zu schärfen. 2020 erreichte er mit der TV-Serie „For Life“, die lose auf seiner Geschichte basiert, ein breites Publikum. Initiator war Rapper 50 Cent. Nachdem dieser Wright Jr. bei einem Boxkampf in der Bronx begegnet war, wollte er dessen Geschichte unbedingt filmisch umsetzen. Als Berater der Produktion sorgte Wright Jr. dafür, dass die Darstellung nicht nur dramatisch, sondern auch inhaltlich anschlussfähig an reale Reformdebatten blieb.
Auch Hauptdarsteller Nicholas Pinnock, der in der Serie die an Isaac Wright Jr. angelehnte Rolle des Aaron Wallace spielt, zeigte sich inspiriert vom Engagement des Anwalts. „Isaac geht es vor allem darum, Minderheiten zu helfen und vor Ungerechtigkeiten zu schützen. Ihm ist es wichtig, das Ungleichgewicht der gesellschaftlichen Schichten offen darzulegen und zu ändern. Es ist beeindruckend zu sehen, welche Herausforderungen er auf sich genommen hat, um an den Punkt zu gelangen, an dem er heute ist.“
Angetrieben vom Erfolg der Serie, entschied sich Wright Jr. den nächsten Schritt in seinem Aktivismus zu gehen und kandidierte 2021 für das Amt des Bürgermeisters von New York City. In seinem Wahlprogramm legte er einen Schwerpunkt auf die Reform des Strafjustizsystems, insbesondere auf die Verbesserung der Bedingungen für Inhaftierte und die Förderung von Bildungsprogrammen, um Rückfälle zu verhindern. Obwohl er die Wahl nicht gewann, nutzte er die Plattform, um auf die Notwendigkeit von Reformen aufmerksam zu machen und Diskussionen über die Zukunft des Justizsystems anzustoßen.
Der Kern gütekräftiger Justiz
Damit ist Isaac Wright Jr. längst mehr als nur ein einzelner Anwalt: Er ist Teil einer Bewegung, die den Staat dazu bringt, seine Instrumente menschlicher zu gestalten. Wo früher Härte dominierte, entsteht heute ein Ansatz, der auf Selbstkorrektur und Mitgefühl setzt. Dass Wright Jr. trotz seiner Vorgeschichte zugelassen, entschädigt und in Reformprozesse eingebunden wurde, zeigt, wie der Rechtsstaat in kleinen, aber realen Schritten gütig wirksam sein kann – indem er Fehlurteile nicht vertuscht, sondern aufarbeitet und aus ihnen lernt.
Seine Geschichte offenbart, was gütekräftige Justiz im Kern bedeutet: die Fähigkeit eines Staates, Fehler nicht als Makel, sondern als Motor der Erneuerung zu begreifen. Wright Jr. steht für die Einsicht, dass Recht nicht nur im Urteil, sondern auch in der Revision lebt, dort, wo Macht sich selbst begrenzt, um Vertrauen zu bewahren. In dieser Haltung liegt das Versprechen einer gerechten Zukunft: dass Staaten, die Bildung, Einsicht und Menschlichkeit zulassen, nicht schwächer, sondern stärker werden. Denn wahre Rechtsstaatlichkeit zeigt sich nicht in Unfehlbarkeit, sondern in der Bereitschaft, aus Unrecht Gutes wachsen zu lassen.
Ein Gespräch mit Better Police-Gründer Oliver von Dobrowolski
Als langjähriger Polizist hat Oliver von Dobrowolski gelernt, Fragen zu stellen, zuzuhören und Verständnis zu zeigen, anstatt Gewalt anzuwenden. Sein Fazit: Es wirkt. Lösungsansätze für eine soziale – und effektivere – Polizeiarbeit.
Auf dem Weg zum Interview fällt mir am Bahnsteig ein Sticker ins Auge. ACAB prangt da in Großbuchstaben, „All Cops Are Bastards“. Eine Haltung, die in Berlin in bestimmten Kreisen weit verbreitet ist. Umso mehr erstaunt und freut mich die Antwort, die Oliver von Dobrowolski mir ohne Zögern auf die Frage gibt, wie denn die Zivilgesellschaft auf Gesprächsangebote der Polizei reagieren würde: „Das würden die hart feiern, um es salopp zu sagen.“
Oliver von Dobrowolski arbeitet seit knapp 28 Jahren als Polizist und setzt sich fast genauso lange dafür ein, den Polizeiapparat von innen heraus zu reformieren. Sein Ziel: Eine Polizei, die Vertrauen und Dialog über die Ausübung von Gewalt stellt. Erste Ansätze dafür gibt es schon, innerhalb der deutschen Grenzen und darüber hinaus – von Präventionsarbeit zu Eins-zu-eins-Gesprächen zwischen Zivilgesellschaft und Beamt:in über einer Tasse Kaffee.
Für von Dobrowolski muss diese Entwicklung jetzt noch weitergehen. Er selbst folgt dieser Maxime nicht nur in Worten, sondern in Taten. Aus dem täglichen Polizeieinsatz kann er bezeugen, wie viel es bewirkt, Verständnis zu zeigen und zuzuhören, anstatt in die Konfrontation zu gehen.
Verständnis statt Gegenwehr
Konfrontation, das ist genau das Bild, das in den letzten Jahren immer mehr entstanden ist, wenn Polizei und Zivilgesellschaft aufeinandertreffen. Dass es eine wachsende Ablehnung aus der Bevölkerung gibt, ist für von Dobrowolski nicht überraschend, angesichts einiger Vorfälle in den letzten Jahren, die laut ihm dazu beitragen, das Vertrauen in die Polizei zu zerrütten – von „rechten Nazi-Chats zu der elenden Einzelfalldebatte, und natürlich jede Form von illegitimer Polizeigewalt“.
Angesichts verhärteter Fronten gibt es für ihn nur eine sinnvolle Reaktion von Seiten der Polizei: Verständnis zeigen und auf die Gegenseite zugehen.
„Nehmen wir das Bild von zwei Widderböcken, die mit den Hörnern gegeneinander stehen. Warum sollte gerade die Polizei als erstes nachgeben?“, fragt er. Seine Antwort: „Weil es unsere Aufgabe ist. Das ist das, was Rechtsstaat bedeutet. Als Polizei ist es unser staatlicher Auftrag, für alle Menschen da zu sein, auch die, die uns ablehnen.“
Denn genau diesen gegenüber könne man die größten Erfolge erzielen, wenn man sich verständnisvoll zeige, anstatt in die Gegenwehr zu gehen. „Wenn ich das tue, erreiche ich nichts – oder sogar das Gegenteil, nämlich, dass die Person sich bestätigt fühlt“, erklärt von Dobrowolski. „Wenn ich aber auf die Person zugehe und zeige, dass es doch ein diverseres, anderes Bild gibt von Polizist:innen als das, was sie vielleicht haben, kann ich nur gewinnen.“
„Gerade bei weniger gravierenden Delikten kann man sehr viel erreichen, wenn man als Polizist:in zeigt: Ich höre dir zu.“
Empathie statt Abstempeln
Natürlich sei es auf menschlicher Ebene nicht einfach, sich Anfeindungen und Ablehnung gegenüber abzugrenzen, gesteht er ein. Umso wichtiger sei es, offen und tolerant zu bleiben und die Fähigkeit zum Perspektivwechsel beizubehalten.
„Zu versuchen, die Gegenseite nachzuvollziehen und die Gründe hinter deren Handlungen zu verstehen, ist etwas, das ich in meinen Lehrgängen zur Kommunikation gelernt habe“, erklärt von Dobrowolski. Es ist für ihn eine wichtige Grundlage, um zu signalisieren, „dass wir unser Gegenüber nicht abstempeln. Gerade bei weniger gravierenden Delikten kann man sehr viel erreichen, wenn man als Polizist:in zeigt: Ich höre dir zu.“
Er selbst hat dies über mehrere Jahre als Teamleiter einer Brennpunktarbeit erfahren, an sogenannten „kriminalitätsbelasteten Orten“ in Berlin wie dem Alexanderplatz, Kottbusser Tor oder Görlitzer Park. „Man sieht eine Menge Elend, man sieht krasse Szenen“, erinnert sich von Dobrowolski. Eine Herausforderung also, die ihm aber gelegen kam. Denn genau in diesen Situationen habe er noch besser für die Leute da sein und auf sie wirken können: „Ich konnte ihnen zeigen, dass die Polizei auch nahbar und empathisch sein kann“.
Miteinander statt gegeneinander
Dass die meisten Menschen die Polizei eben nicht so wahrnehmen, liege zum Großteil an strukturellen Problemen innerhalb des Apparats, argumentiert Oliver von Dobrowolski. Rassismus, Sexismus, Ungleichbehandlung marginalisierter Gruppen, Vorfälle von Polizeigewalt – von Dobrowolski nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er sich kritisch über die Fehler der Polizei äußert. Damit stößt er auch auf viel Ablehnung. Die Karriere sei „abgestürzt“, seit er begonnen habe, sich aktivistisch zu engagieren. Im Mai erhielt er eine Morddrohung, „vermutlich aus den eigenen Reihen“. Natürlich habe er daraufhin auch in Erwägung gezogen, aufzuhören. Dass er trotzdem weitermacht, ist zu gleichen Teilen idealistischen und finanziellen Gründen geschuldet – und der Hoffnung, den Apparat eben doch irgendwie verändern zu können:
„Neben all den schlimmen Sachen, die ich erfahre, bekomme ich auch viele positive Rückmeldungen von Leuten, die sagen: ‚Du hast mir das Vertrauen zurückgegeben.‘ Innerhalb der Polizei gibt es Beamt:innen, die mich ermutigen, mich nicht stumm machen zu lassen und auch viele, die mir gesagt haben, ich war der Grund, dass sie sich bei der Polizei beworben haben und die jetzt auch im Sinne meiner Ideen ihren Alltag in der Polizei begehen. Immer, wenn ich so etwas höre, bekomme ich ein bisschen Gänsehaut. Ich denke, dafür lohnt es sich dann doch.“
Dass er mit seinem Einsatz auch unter Polizist:innen nicht allein ist, zeigt sich besonders bei Better Police. 2021 gründete Oliver von Dobrowolski die Organisation, nachdem er sich zuvor lange bei „Polizei Grün“ engagiert hatte. Die Entscheidung war eine bewusste Wahl für Inklusion. Better Police ist eine Vereinigung, die sich, anders als Polizei Grün, nicht nur an Polizist:innen richtet, sondern „an alle Mitglieder der Gesellschaft, die Servicekraft, die Studentin, die Journalistin und den Pensionär, der sein Enkelkind von der Kita abholt“, erklärt Oliver von Dobrowolski.
Anfangs habe er Angst gehabt, diesem Anspruch nicht gerecht zu werden. Stattdessen sei genau das eingetreten, was er sich erhofft habe: „Wir haben totale Parität von Leuten aus der Gesellschaft, die zum Teil auch aktivistisch sind, und Polizist:innen. Und wir sind sehr divers besetzt, der Vorstand besteht zur Hälfte aus Frauen und zur Hälfte aus Menschen mit Migrationsgeschichte.” Damit symbolisiert Better Police ein Positivbeispiel für das, was von Dobrowolski in der Polizei fehlt: der Dialog mit der Gesellschaft.
Spätestens seit sein kritischer Social-Media Post zum Fehlverhalten der Polizei beim G20-Gipfel in Hamburg – bei dem er selbst vor Ort im Einsatz war – viral ging, steht Oliver von Dobrowolski als „linker Vorzeigebulle“ in der Öffentlichkeit. Seine Kritik ist hart, aber auch konstruktiv. Das Ziel: „die Polizei zu verbessern, indem man sie toleranter, weltoffener macht, zu einer Institution, die kritikfähig ist und die auch zuhört“.
Gemeinsame Aufarbeitung statt Vertuschung
Eine offene und kritische Auseinandersetzung mit der Polizei, das ist es, was von Dobrowolski und Better Police bewirken wollen. Ein großer Teil davon ist der Umgang mit Fehlverhalten innerhalb der Polizei. Schon viel zu lange werde der Polizei Unfehlbarkeit attestiert und oft sogar regelrecht von ihr eingefordert, erklärt von Dobrowolski. Das sei ein enormes Problem, denn: „Wir sind keine fehlerfrei agierende Institution. Wir sind Menschen, und wo Menschen arbeiten, passieren Fehler. Das ist eigentlich etwas Gutes, denn aus diesen Fehlern könnte man lernen und organisationskritisch sein. Aber zum großen Teil werden Fehler totgeschwiegen.“
„Wir müssen akzeptieren, dass die Polizei nicht unfehlbar ist. Dass wir Fehler machen und dass wir, wenn das geschieht, dazu stehen.“
Die Ausgrenzung von Leuten, die innerhalb der Polizei auf Fehlverhalten aufmerksam machen, hat Oliver von Dobrowolski selbst erfahren. Für Menschen aus der Zivilgesellschaft sei es häufig noch gravierender, wenn sie Fehlverhalten der Polizei melden wollten – denn dafür werden sie ironischerweise zur Polizei geschickt. Es gibt allerdings auch Möglichkeiten für Betroffene illegitimer Polizeigewalt oder polizeilichen Fehlverhaltens, sich von externen Stellen beraten und weiterhelfen zu lassen, beispielsweise Ombudsstellen, Polizeibeauftragte und externe Untersuchungsstellen.
Oliver von Dobrowolski sieht die Kritik, dass solche externen Stellen unter Umständen der Polizei gegenüber voreingenommen sein könnten, wenn sie zu großen Teilen durch Menschen aus dem aktivistischen Spektrum besetzt seien, als durchaus gerechtfertigt – für ihn ist es aber auch eine große Chance zur Zusammenarbeit. Es brauche eine Innenansicht und polizeiliche Expertise, diese könne durch ehemalige oder beurlaubte Polizist:innen gegeben werden. So könnten externe Stellen von der Polizei gestärkt werden – ein Miteinander, statt ein Gegeneinander, das wiederum den Dialog stärken kann.
Proaktiv statt reaktiv
Auch für das fehlende Vertrauen in die Polizei hat Oliver von Dobrowolski Lösungsansätze. Die Polizei müsse die Ohren aufmachen, fordert er, das bedeute „konkret auf die Institution gemünzt, dass wir nicht mehr über die Leute sprechen dürfen, sondern wir müssen mit ihnen sprechen.“ Marginalisierte Communities, darunter Menschen mit Migrationsgeschichte oder queere Personen, hätten häufig kein Vertrauen in die Polizei, weil sie nicht nur gute Erfahrungen gemacht hätten – „da können wir proaktiv tätig sein, nicht nur reaktiv oder repressiv“.
Proaktiv bedeutet beispielsweise Prävention, darunter fällt auch die Sensibilisierung von Menschen über Öffentlichkeitsarbeit, „von so Dingen wie dem Fahrradführerschein bis dahin, dass wir als Polizist:innen in Senioreneinrichtungen gehen und dort über den Enkeltrick aufklären. All das sind Sachen, die uns als Staat, als Polizei den Menschen näherbringen.”
Leider sei es schwieriger zu bemessen, wie viele Straftaten verhindert werden, als zu bestimmen, wie viele begangen werden. Darum sei Präventionsarbeit „im Vergleich zu knallharter Repression nicht so sexy“, erklärt Oliver von Dobrowolski. Doch es gebe in Deutschland schon viele Positivbeispiele für gute Präventionsarbeit. In Hessen und NRW beispielsweise bestehen seit Jahrzehnten Landespräventionsräte oder auch kommunale Präventionsräte. Als Forum für das Zusammentreffen von Menschen und Polizei seien sie „sehr erfolgreich“.
Eine weitere Möglichkeit wäre, dass geschulte Beamt:innen aus Präventions- oder Öffentlichkeitsarbeit gezielt Stellen gesellschaftlicher Teilhabe aufsuchen, darunter Nachbarschaftstreffs oder Frauenhäuser, um konkret nach Möglichkeiten zu fragen, wie die Polizei mit ihnen zusammenarbeiten könne.
Kaffee statt Handschellen
Es klingt so einfach: nachzufragen, was besser gemacht werden könnte. Und letztendlich sei es das auch, zumindest auf individueller Ebene, erklärt Oliver von Dobrowolski. Er selbst frage, ob auf der Wache oder auf der Straße, immer am Ende des Gesprächs nach, ob er noch etwas tun könne, um zu helfen, und stelle vor allem die Frage: „Fühlen Sie sich gut behandelt?“
Als ich wissen will, wie denn die Reaktionen der Menschen auf diese Fragen ausfielen, lacht von Dobrowolski: „Oft sind die Leute beinahe irritiert, im positiven Sinne. Die meisten freuen sich, sind aber auch verwundert; manche denken auch, ich will sie verscheißern.“ Das zeige natürlich auch, dass noch mehr Dialog zwischen Polizei und Bürger:innen nötig sei, um Vertrauen zu schaffen.
Tatsächlich gibt es bereits mehrere Dialogformate, bei denen Polizei und Zivilgesellschaft ins Gespräch kommen können, darunter beispielsweise das Konzept der mobilen Wachen, wo Beamt:innen an verschiedenen Orten der Stadt über einen Tag Fragen der vorbeikommenden Menschen beantworten. Hier müsse aber durch interne Fortbildungen unter den Beamt:innen noch größeres Verständnis dafür geschaffen werden, wie hilfreich und wertvoll dieses Austauschformat sein könne, so von Dobrowolski.
In anderen Ländern sind Formate wie „Meet a Cop“ bereits gut etabliert. Dabei trifft eine Person aus der Zivilgesellschaft meist, wie es der Name schon sagt, eine Polizistin oder einen Polizisten einfach auf einen Kaffee. „Das finde ich großartig, weil man da wirklich auf Augenhöhe sprechen kann und nicht nur als Uniform gesehen wird“, berichtet von Dobrowolski begeistert. Das Angebot komme bei der Bevölkerung auch sehr gut an. Die Gewissheit nimmt er zum einen aus seinem täglichen Dienst, wo er nach anfänglicher Verwunderung der Menschen, plötzlich einen Polizisten in Uniform herumlaufen zu sehen, fast immer die Rückmeldung bekommt: „Toll, dass Sie hier sind und sich kümmern!“
Nicht nur „Riesennachfrage“, sondern auch langfristig wirksam
Zahlreiche aktuelle Studien belegen, dass der Ansatz nicht nur auf breite Zustimmung trifft, sondern darüber hinaus langfristig zu mehr Kooperation und weniger gewaltsamen Auseinandersetzungen führt.
Was im Kleinen funktioniert, klappe erst recht in einem größeren, besser organisierten Rahmen, so von Dobrowolskis Erfahrung: „In den vielen Jahren, in denen ich in der Kriminalprävention gearbeitet habe, konnte ich bezeugen, dass eine riesige Nachfrage nach Angeboten der Polizei besteht. Von Antigewaltveranstaltungen in Schulen zu Seniorensicherheitsberatung und Fahrradkennzeichnungen als Diebstahlprävention, solche Angebote sind total angesagt.“
Und ja, es funktioniert auch in den aufgeladenen Situationen, ist sich Oliver von Dobrowolski nach nun fast 28 Jahren im Einsatz sicher. „Gerade den Menschen, die der Polizei verhalten gegenüberstehen, müssen wir zeigen: ‚Wir sind für euch da.‘ Dann werden wir damit Erfolg haben.“
Oliver von Dobrowolski ist langjähriger Polizist, Aktivist, Sachbuchautor und Gründer von Better Police. Die Organisation bietet eine Plattform, über die sich Polizist:innen und Mitglieder der Zivilgesellschaft über Ideen zur Verbesserung der Polizei austauschen können. Das Ziel: eine menschlichere, sozialere und verständnisvollere Polizei.
Sein Buch „Ich kämpfe für eine bessere Polizei“, verlegt bei S. Fischer, gibt es als E-Book für 16,99 Euro hier und überall im Handel.
Norwegens Gefängnissystem setzt auf Vertrauen, Respekt und Resozialisierung. Die Gefängnisinsel Bastøy sticht besonders heraus. Sie beweist, dass Norwegens gütekräftiger Ansatz funktioniert.
Für das Haftsystem in Norwegen gilt der Grundsatz, dass der Freiheitsentzug die Strafe ist, nicht das Leben im Gefängnis. Der Strafvollzug in dem skandinavischen Land basiert auf einem Leitprinzip, das auf den ersten Blick überraschend wirkt: Normalität. Gefängnisse sollen nicht abgegrenzt von der Gesellschaft existieren, sondern ihr möglichst nahekommen. Gefangene kochen selbst, kümmern sich um ihre Wäsche, gehen arbeiten oder zur Schule und übernehmen Verantwortung. Denn auch wenn die Gefangenen ihre Freiheit verlieren, sollen ihre anderen sozialen Grundrechte so weit wie möglich erhalten bleiben.
So funktioniert Haft in Norwegen
In vielen europäischen Ländern gelten Gefängnisstrafen noch immer als Hauptinstrument der Strafverfolgung, selbst bei kleineren Delikten. Alternativen zur Haftstrafe werden zwar in Deutschland immer häufiger genutzt, ausgeschöpft sind die Optionen aber noch lange nicht.
Fast 40 Prozent aller Inhaftierten in Deutschland sitzen mit Freiheitsstrafen unter neun Monaten im Gefängnis. Dabei „wissen alle Vollzugspraktiker, dass man in der Zeit wenig verändern kann“, merkt Strafvollzugsexperte Bernd Maelike an.
In Norwegen wird das grundlegend anders angegangen. Dort folgt der Strafvollzug einem stufenweisen System mit dem ausdrücklichen Ziel der Resozialisierung.
„In Norwegen bleibt der Inhaftierte Staatsbürger. In Deutschland ist er dem besonderen Gewaltverhältnis des Staates unterworfen und wird zum Gefangenen.“
Wer in Norwegen zu kurzen Freiheitsstrafen verurteilt wird, etwa unter vier Monaten, verbüßt diese meist nicht im Gefängnis, sondern bleibt zu Hause unter elektronischer Überwachung, etwa mit einer Fußfessel. So verlieren Ersttäter:innen nicht ihr soziales und berufliches Umfeld. Für längere Haftstrafen beginnt der Vollzug meist in einer geschlossenen Anstalt.
Danach wechseln viele Gefangene in Einrichtungen mit weniger Sicherheitsvorkehrungen, wo sie mehr Eigenverantwortung übernehmen. Die letzte Phase sind sogenannte Halfway Houses, offene Einrichtungen, in denen die Häftlinge tagsüber arbeiten oder zur Schule gehen können.
Bastøy: Eine Insel der Resozialisierung
Ein Beispiel für diese Form des offenen Strafvollzugs ist die Gefängnisinsel Bastøy. Dorthin zu kommen, gilt aufgrund besonders guter Resozialisierungsmöglichkeiten als erstrebenswert und kann beispielsweise durch tadelloses Verhalten in einem anderen Gefängnis erreicht werden.
„Ich vertraue meinen Insassen. Das spüren sie vom ersten Tag an, wenn sie plötzlich ohne Handschellen alleine auf der Insel stehen und dieses Maß an Freiheit gar nicht mehr gewohnt sind.“
Bastøy befindet sich 75 Kilometer südlich von Oslo, im Oslofjord. Von den 115 Gefangenen dort sind viele wegen schwerer Verbrechen wie Gewalt-, Drogen- oder Sexualdelikten inhaftiert.
Die Gefangenen wohnen in Einzelzimmern mit eigenem Bad und Küchenzeile in Holzhäusern, kochen gemeinsam, arbeiten in der Landwirtschaft oder übernehmen für die Gemeinschaft Aufgaben im Inselalltag, etwa in der Küche oder beim Fährdienst. Die Miete für ihr Zimmer zahlen sie aus dem eigenen Einkommen. In der Freizeit können sie wandern, angeln oder Sport treiben. Auch der Kontakt zur Familie wird ermöglicht und gefördert. Gitter oder Handschellen gibt es nicht und die Sicherheitskräfte tragen weder Uniform noch Waffen.
Was auf den ersten Blick wie ein Feriendorf wirkt, ist Teil eines durchdachten Resozialisierungskonzepts.
„Es bringt nichts, Häftlinge in die schlechtmöglichste Umgebung zu setzen – das müssen wir der Öffentlichkeit noch besser vermitteln.“ Tom Eberhardt, Gefängnisdirektor in Bastøy
Statt Kontrolle steht Vertrauen im Mittelpunkt. Wer flieht, verliert seinen Platz auf der Insel und wird in ein strengeres Hochsicherheitsgefängnis zurückverlegt. Wärter:innen werden nicht als Kontrollinstanz eingesetzt, sondern als pädagogische Begleitung, die ein fester Bestandteil der Freizeitgestaltung und des Arbeitsalltags der Häftlinge ist.
Diese Form der engen, menschlichen Beziehung soll das Vertrauen stärken und gleichzeitig die Eigenverantwortung fördern. Damit das funktioniert, braucht es deutlich mehr Personal als in anderen Gefängnissen: Auf rund 260 Insassen kommen circa 230 Vollzugsbeamte. Das Ziel besteht darin, die Häftlinge auf ein Leben nach der Haft vorzubereiten – mit einem Fokus auf persönlicher Weiterentwicklung statt Bestrafung.
Ein System, das funktioniert
Die Zahlen sprechen für sich: Die Rückfallquote liegt in Norwegen bei unter 20 Prozent innerhalb von zwei Jahren, in Bastøy sogar bei nur 16 Prozent. In vielen anderen europäischen Staaten liegt sie hingegen zwischen 50 und 70 Prozent, in Deutschland bei etwa 46 Prozent innerhalb von drei Jahren. Gewalttätige Auseinandersetzungen oder gar Fluchtversuche gibt es laut dem Gefängnisdirektor von Bastøy fast gar nicht. Zu hoch sei das Risiko, wieder in ein Gefängnis mit strengeren Sicherheitsvorkehrungen verlegt zu werden und die hier gewährten Privilegien zu verlieren.
Ex-Häftlinge in Norwegen finden oft schnell wieder Arbeit und sind damit seltener auf Sozialleistungen angewiesen. Dass dies auf den Schwerpunkt auf Rehabilitation und Berufsausbildung in den Haftanstalten in Norwegen zurückzuführen ist, ist wissenschaftlich belegt.
Der gesellschaftliche Nutzen ist klar: weniger Rückfälle, geringere Folgekosten, mehr Integration. Kein Wunder also, dass Norwegens Haftsystem in Europa als vorbildhaft gilt.
Das norwegische Beispiel zeigt, dass ein humanerer Strafvollzug weder naiv noch unrealistisch ist. Er kann Sicherheit und Resozialisierung miteinander verbinden und so für die gesamte Gesellschaft wirken. Menschlichkeit im Strafvollzug ist keine Schwäche, sondern eine Stärke – und eine Option, die sich langfristig auszahlt.
Was wäre, wenn der Mensch im Grunde gar nicht egoistisch und grausam ist – sondern gut? Dieser rousseauschen Annahme widmet sich Rutger Bregman in seinem Buch „Im Grunde gut“. Mit zahlreichen Beispielen und Fakten zeigt er auf: Menschen entscheiden sich in der Regel aus eigener Motivation für gütiges und gegen gewaltvolles Handeln.
Die meisten Justizsysteme weltweit basieren auf der Annahme, dass wir nur durch Strafen auf den rechten Weg gebracht werden können. Polizeiarbeit basiert vielfach auf der Annahme, dass Kontrolle nötig ist, weil man den Menschen nicht trauen kann. Und in der Politik gilt Misstrauen fast schon als Grundhaltung – sei es bei Sicherheitsgesetzen oder im Umgang miteinander.
Genau hier setzt Rutger Bregman mit „Im Grunde gut“ an und widerspricht dieser Haltung. In Anlehnung an Jean-Jacques Rousseau wirft das Buch folgende Fragen auf: Was, wenn all diese Annahmen falsch sind? Was, wenn der Mensch im Kern nicht schlecht, sondern gut ist?
Dann wären Strafe, Kontrolle und Misstrauen an vielen Stellen völlig überflüssig.
„Es ist eine Idee, die Machthabern seit Jahrhunderten Angst einjagt, gegen die sich unzählige Religionen und Ideologien gewandt haben. […] Gleichzeitig ist es eine Idee, die von nahezu allen Wissenschaftsbereichen untermauert, die von der Evolution erhärtet und im Alltag bestätigt wird.“
„Im Grunde gut“ stellt die gewohnte, meist negative Sicht auf die Menschheit radikal auf den Kopf. Statt ständig vom „egoistischen“ oder „gewaltbereiten“ Menschen auszugehen, zeigt Bregman anhand vieler Beispiele aus Geschichte, Psychologie, Biologie und Alltagskultur: Kooperation, Vertrauen und Mitgefühl sind viel stärker, als wir denken.
In seinem Buch greift er Experimente, die die Boshaftigkeit des Menschen beweisen sollen, auf und hinterfragt ihre Korrektheit und Aussagekraft. Dazu gehören etwa das Milgram-Experiment, das zeigen soll, dass Menschen unter Autorität bereit sind, anderen Schmerzen zuzufügen, oder das Standford-Prison-Experiment, dessen Fokus darauf liegt, zu verdeutlichen, wie schnell Menschen in Machtrollen ihr Verhalten verändern.
Bregman führt zahlreiche Gegenbeispiele für gütiges Handeln an, etwa Unternehmen, die ohne klassisches Management funktionieren, Kommunen von Kindern auf verlassenen Inseln oder Solidarität innerhalb von Zivilbevölkerungen in Krisensituationen.
All diese Beispiele zeigen: Vielleicht müssen wir die Geschichte der Menschheit ganz neu denken. Mit der Prämisse, dass die Menschen im Grunde gut sind. Denn das könnte Bregman zufolge weitreichende Folgen für unser aller Leben haben.
„Wenn wir glauben, dass die meisten Menschen im Grunde nicht gut sind, werden wir uns auch dementsprechend behandeln. Dann fördern wir das Schlechteste in uns zutage. Letztendlich gibt es nur wenige Vorstellungen, die die Welt so sehr beeinflussen wie unser Menschenbild. Was wir voneinander annehmen, ist das, was wir hervorrufen. Wenn wir über die größten Herausforderungen unserer Zeit sprechen – von der globalen Erderwärmung bis zum schwindenden gegenseitigen Vertrauen –, glaube ich, dass deren erfolgreiche Bewältigung mit der Entwicklung eines anderen Menschenbildes beginnt.“
Die besondere Stärke des Buches liegt in diesem Perspektivwechsel.
Statt den Menschen immer als Gefahr für andere zu sehen, erkennt man, wie sehr Zusammenhalt, Freundschaft und Verständnis unser Zusammenleben prägen. Dieser Perspektivwechsel ist das Herzstück des Buches – er lässt einen das Gute in der Menschheit erkennen.
In „Im Grunde gut” macht Bregman keinen Halt vor den ganz großen Fragen: Wie funktioniert Gesellschaft? Warum glauben wir so hartnäckig an das Böse im Menschen? Und wie sähen Justiz, Politik, Wirtschaft und Zusammenleben aus, wenn wir das Gute stärker in den Mittelpunkt stellen?
Mit Humor, spannenden Geschichten und klugen Lösungsansätzen trifft Bregman den Sweet Spot zwischen Unterhaltung und Tiefgang. „Im Grunde gut“ ist ein Augenöffner – ein Buch, das die Sicht aufs Leben verändern kann.
„Im Grunde gut” von Rutger Bregman wurde im Deutschen im Rowohlt-Verlag veröffentlicht. Im Taschenbuchformat kostet es 15 Euro und als E-Book 11,99 Euro.
Bei Hummustopia setzen sich Menschen unterschiedlichster Hintergründe an einen Tisch – und sogar Polizist:innen und Mitglieder der linksaktivistischen Szene stellen über einem Teller Hummus oft schnell fest: Am Ende sind wir uns doch alle ähnlicher, als wir denken.
„Wir treffen uns hier zum Austausch. Jede Person setzt sich mit einer anderen Person zusammen, die sie nicht kennt. Ihr bekommt ein Thema und diskutiert, bis ihr mindestens eine Gemeinsamkeit findet. Dazu gibt es leckeres Essen, ganz umsonst. Ihr seid herzlich willkommen!” Avraham Rosenblum steht am Eingang des Café Nova im Hamburger Stadtteil Veddel und erklärt Vorbeigehenden das Konzept der Veranstaltung, die in wenigen Minuten hier beginnt: ein Event seines Projekts „Hummustopia – lecker streiten”.
„HUMMUSTOPIA ist kein einmaliges Event, sondern ein Beispiel dafür, wie nachhaltiger Dialog zwischen Behörden und Bürgerinnen und Bürgern gelingen kann – offen, ehrlich und auf Augenhöhe.”
Vor ungefähr acht Jahren rief Avraham Rosenblum Hummustopia ins Leben, eines von mehreren Projekten mit dem Ziel, Austausch über kulturelle und gesellschaftliche Grenzen hinweg zu fördern. Letztes Jahr gelang ihm dann die Umsetzung eines besonderen Herzensprojekts: eine Zusammenarbeit mit der Polizei Hamburg.
Das Kooperationsprojekt „Zivilgesellschaft und Polizei“ zwischen der Sozialbehörde Hamburg und der Polizei Hamburg, organisiert seit einigen Jahren Veranstaltungen für einen Austausch und ein besseres Verhältnis zwischen Polizei und Bürger:innen. Avraham nahm kurzerhand Kontakt zu den Verantwortlichen auf. Wenig später fand das erste Hummustopia-Event mit Polizeipräsenz statt, bei dem Polizist:innen und Bürger:innen „zum Perspektivwechsel und Mitstreiten über offene Fragen zu Demokratie und Polizeiarbeit” eingeladen wurden.
„HUMMUSTOPIA ist kein einmaliges Event, sondern ein Beispiel dafür, wie nachhaltiger Dialog zwischen Behörden und Bürgerinnen und Bürgern gelingen kann – offen, ehrlich und auf Augenhöhe”, kommentierte die Polizei Hamburg im Anschluss auf ihrem LinkedIn-Kanal. Die nächsten Veranstaltungen sind schon in Absprache.
Was genau passiert, wenn Polizist:innen und Zivilgesellschaft bei einem Teller Hummus aufeinandertreffen, warum kleine Gemeinsamkeiten so wichtig sind und welche Motivation hinter Hummustopia steht – all das haben wir Avraham Rosenblum gefragt.
KräftigeGüteStiftung: Avraham, das ist schon etwas Besonderes: Du stehst hier als Gründer von Hummustopia und lädst die Menschen auf der Straße ein, zu eurer Veranstaltung zu kommen. Machst du das immer so?
Avraham: Ja, das mache ich tatsächlich immer so. So bekommt man ein gemischtes, diverses Publikum. Es sollen sich Menschen gegenübersitzen, die sich sonst nicht austauschen würden. Und die dann feststellen, dass sie eben doch viel mehr gemeinsam haben, als sie denken würden.
Natürlich gibt es auch Personen, die ganz gezielt hierherkommen, die das Projekt schon kennen, aber es gibt eben auch immer viele Leute, die zum ersten Mal oder ganz zufällig da sind. Es ist auch spannend, weil die Veranstaltungen von Hummustopia ja an unterschiedlichen Orten stattfinden. Heute ist zum Beispiel das erste Mal, dass wir hier sind. Da kommen ganz andere Menschen als bei unseren Veranstaltungen in Altona, mitten in der Fußgängerzone. Da ist auch die Stimmung ganz anders, hier ist es ruhiger, dort ist dann immer lautes, buntes Chaos (lacht).
KräftigeGüteStiftung: Im Austausch sollen die Menschen, die einander gegenübersitzen, sich unterhalten, bis sie mindestens eine Gemeinsamkeit entdeckt haben. Welche Art von Gemeinsamkeiten zählt denn?
Avraham: Da bin ich wirklich ganz offen, es gibt wirklich keine Vorgaben. Natürlich geben wir mit unseren Fragen bestimmte Themen vor wie Demokratie oder Solidarität, und meistens finden die Menschen auch Gemeinsamkeiten, wenn sie über diese Fragen sprechen. Aber ich sage allen Leuten: Auch wenn ihr euch zum Thema nicht einigen könnt, ist das völlig okay. Das ist ja auch schon eine Gemeinsamkeit: Ihr könnt euch nicht einigen.
Aber vielleicht finden sie im Gespräch heraus, dass sie zum selben Fitnessstudio gehen und denselben Trainer haben, den sie cool finden. Oder dass sie zum selben Baumarkt gehen und davon angenervt sind. Oder dass sie denselben Lieblingshummusladen haben. Und das reicht mir schon.
Zu Anfang des Events erklären Avraham und seine Mitarbeiter:in die Regeln. Die Gesprächsthemen stehen auf bunten Zetteln, die blind gezogen werden.
Dann geht es los. Im Gespräch muss mindestens eine Gemeinsamkeit gefunden werden.
KräftigeGüteStiftung: Apropos Hummus, du hast beim Ansprechen der Leute auch hervorgehoben, dass es Essen gibt. Warum ist das so ein zentraler Teil des Konzepts – und warum gerade Hummus?
Avraham: Hummus ist eines dieser Gerichte, um das sich viel gestritten wird: Woher kommt es, wer hat es erfunden, wem gehört der Hummus? Aber gleichzeitig ist es etwas unglaublich Vereinendes. Das fängt schon bei der Konsistenz an. Hummus ist eine Masse, Sachen werden zusammengemischt und dann kommt etwas heraus, was zusammenhält. Ich meine, mit Hummus kann man gefühlt Häuser bauen, es ist praktisch wie Mörtel (lacht).
Und natürlich essen viele Menschen auf der ganzen Welt gerne Hummus. Also symbolisiert Hummus auch genau das, worum es uns geht: trotz der Streitigkeiten, die es gibt, das Gemeinsame zu finden. Hummus ist einfach lecker, und das bringt Menschen zusammen.
Das macht Essen natürlich allgemein. Wir unterhalten uns super oft und gerne über Essen, vor allem aber beim Essen. Am Esstisch entstehen Gespräche. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es außerdem einen vermittelnden Effekt hat, wenn man Menschen beim Essen zusammenbringt, dass es die Kommunikation im Zweifel konstruktiver macht. Das ist am Familientisch vielleicht anders, aber hier ist es eher so, wie wenn man sich irgendwo zum Essen trifft. Da will man ja eine funktionierende Kommunikation.
Es hat auch einen ganz praktischen Faktor. Wir wollen, dass die Leute zu uns kommen und sich engagieren, dass sie ihre Zeit mitbringen und sich unterhalten. Und wir geben ihnen etwas im Gegenzug. Es geht dann nicht nur darum, Zivilcourage zu zeigen, indem man kommt. Es ist nicht wieder ein Ehrenamt, sondern man bekommt etwas dafür – nämlich leckeres Essen.
„Es ist total in Ordnung, nicht einer Meinung zu sein, es ist auch gut, viele unterschiedliche Meinungen in der Gesellschaft zu haben. Aber es wird problematisch, wenn wir das nicht mehr als etwas Positives sehen, sondern es zu Hass und Hetze führt.”
KräftigeGüteStiftung: Jetzt geht es bei aller Harmoniesuche bei euch auch ums Streiten – wenn auch ums „lecker Streiten”. Streit wird ja häufig als etwas Negatives wahrgenommen …
Avraham: Das stimmt. Aber streiten ist an sich ein neutrales Wort, es muss nichts Schlimmes oder Negatives sein. Heutzutage ist es aber gesellschaftlich total aufgeladen. Wir leben in Zeiten, wo gerade auch viel Konflikt um uns herum ist. Aber auch schon vorher gab es diese Spaltung in der Gesellschaft, die immer größer geworden ist.
Deshalb brauchen wir eine andere Art, zu kommunizieren. Es ist total in Ordnung, nicht einer Meinung zu sein, es ist auch gut, viele unterschiedliche Meinungen in der Gesellschaft zu haben. Aber es wird problematisch, wenn wir das nicht mehr als etwas Positives sehen, sondern es zu Hass und Hetze führt.
KräftigeGüteStiftung: Funktioniert es denn, die Leute auch zum Streiten zu bringen? Bei der heutigen Veranstaltung schienen die Ansichten ja doch sehr ähnlich zu sein. Ist das sonst anders?
Avraham: Tatsächlich kaum, und das ist der Clou an der Sache. Also auch, wenn man Leute von der Straße holt, auch wenn Leute von der Polizei und Zivilgesellschaft oder sogar von der Polizei und der Roten Flora (Anm. d. Red.: Die Rote Flora ist ein Autonomes Zentrum im seit November 1989 besetzten ehemaligen Flora-Theater im Hamburger Stadtteil Sternschanze und Ausgangspunkt überregionaler sozialer, kultureller und politisch motivierter Aktivitäten der Radikalen Linken) zusammenkommen – die lade ich immer ein und ich weiß, dass schon einige von ihnen da waren – da werden auch Gemeinsamkeiten gefunden. Wir sind uns alle ähnlich, das ist Fakt, und das kommt ziemlich schnell raus.
Selten kommt es schon vor, dass Leute sagen: „nein ich will nicht mehr bei dieser Person sitzen“ oder „ich will mich nicht mehr mit dieser Person unterhalten.“ Es kommt auch vor, dass Leute einander verletzen oder rassistisch sind. Aber es kommt sehr selten vor, von 100 Prozent sind es nicht einmal 1 Prozent.
Das liegt auch daran, dass die Fragen zum Philosophieren einladen, und daran, dass es so niedrigschwellig ist. Es geht mir nur darum, eine Gemeinsamkeit zu finden. Es muss nicht schwierig sein. Ich will nur, dass die Leute beim Zuhören das Negative kurz zur Seite legen und aktiv nach dem Positiven suchen. Und das macht etwas, in meiner Erfahrung. Es führt zu diesem absurden Effekt, dass die Leute sagen: Boah langweilig, wir sind uns so schnell einig. Aber eigentlich ist das doch voll geil. Super, oder? Das wollte ich zeigen, dass es so schnell geht.
KräftigeGüteStiftung: Das ist also dein Hauptantrieb?
Avraham: Es ist ein Antrieb. Wir leben in einer Zeit, in der es nicht so häufig vorkommt und wahrgenommen wird, dass Leute einfach miteinander in Begegnung kommen, auch mit Leuten außerhalb ihrer Bubble. Das passiert sowieso zu selten, aber heute verbringen wir noch dazu so viel Zeit online, in unseren Algorithmenwelten, da ist dieser persönliche Austausch umso wichtiger.
„Der erste Schritt ist für mich immer, trotz meines Schmerzes, trotz meiner Wut und Empörung, die Person mir gegenüber als Menschen zu sehen.“
KräftigeGüteStiftung: Du machst selbst auch mit und unterhältst dich. Was waren deine Erfahrungen?
Avraham: Ich werde normalerweise dazu geholt, wenn es einen Konflikt gibt. Ich selbst diskutiere sehr gerne und philosophiere sehr gerne und habe es mir zur Mission gemacht, dass ich immer versuche, eine andere Perspektive an den Tisch zu bringen, zu fragen: „Habt ihr noch daran gedacht?“
Ich habe also oft Konflikte erlebt, aber selbst in den härtesten Konflikten habe ich es geschafft, die Situation aufzulösen. Ich will keinen besonderen Konflikt hervorheben. Es gab welche, die sehr dramatisch waren, wo Leute geweint haben, wo alte Traumata hochgekommen sind, wo Menschen sehr rassistisch oder diskriminierend waren – es waren extreme Situationen dabei.
KräftigeGüteStiftung: Und wie gelingt es, das aufzulösen?
Avraham: Der erste Schritt ist für mich immer, trotz meines Schmerzes, trotz meiner Wut und Empörung, die Person mir gegenüber als Menschen zu sehen. Ich weiß eigentlich, dass die Chance sehr hoch ist, dass diese Person aus Überzeugung redet. Dass sie überzeugt ist, dass sie eine gute oder richtige Haltung vertritt. Dass sie die Welt gerade heilt.
Und das ist für mich ein guter Start. Auf dem Boden kann ich noch gut bauen, auch wenn unsere Meinungen so unterschiedlich sind. In den seltenen Fällen, wo Menschen wirklich nur Spaß aus dem Konflikt ziehen, muss ich erkennen: Es gibt hier keinen Boden, auf dem wir uns unterhalten können. Dann sage ich: „Ich wünsche Ihnen alles Gute” und gehe.
KräftigeGüteStiftung: Ein Projekt, bei dem man verhärtete Fronten und Konflikte erwarten könnte, ist das Event von Hummustopia in Kooperation mit der Polizei. Wie kam es dazu?
Es war immer mein Traum, einen solchen Austausch zu schaffen. Polizisten und Polizistinnen mit Leuten aus der Zivilgesellschaft, vielleicht sogar Menschen von Gruppen wie der Roten Flora, zusammenzubringen. Ich finde diesen Austausch total wichtig. Darum bin ich mit dem Vorschlag an das Projekt „Zivilgesellschaft und Polizei“ herangetreten und dann haben wir letztes Jahr eine erste Veranstaltung durchgeführt, dieses Jahr dann eine weitere, und ich denke, es wird auch ein drittes Mal stattfinden.
KräftigeGüteStiftung: Sind die Fragen, die dort gestellt werden, anders?
Avraham: Leicht. Ich habe einen allgemeinen Fragenpool, der sich über die Jahre gesammelt hat. Wenn es ein spezifisches Thema ist, dann biete ich auch an, spezifische Fragen zu dem Thema zu machen. Viele Fragen, die es bei Hummustopia gibt, passen auch für solch einen Austausch. Ich wünsche mir auch, dass ein Detektiv mit einem Schwimmer über Protestbewegungen redet oder wie auch immer.
Aber ich habe zusammen mit der Polizei, der Sozialbehörde, Aktion Mensch und Empower (Anm.: einer Beratungsstelle für den Umgang mit rassistischem und diskriminierendem Verhalten) lange an Fragen gearbeitet, und die sind auch sehr kritisch geworden. Wir wollen die Leute ja auch herausfordern. Also haben wir Fragen gestellt zu rassistischen Tendenzen in der Polizei oder Gewalt in der Zivilgesellschaft, zum Rechtsruck oder zu Gewaltmonopolen, wir waren nicht sanft zu ihnen.
KräftigeGüteStiftung: Wie ist das dann abgelaufen?
Avraham: Das war total spannend. Ich wusste das, theoretisch, intellektuell, aber ich wusste nicht, wie doll das ist. Ich als Bürger, als Zivilist, begegne der Polizei ja in der Regel erst, wenn etwas Schlimmes passiert. Und die begegnen mir, der Zivilgesellschaft, auch erst, wenn etwas Schlimmes passiert. Also habe ich eine Anti-Haltung und die haben eine Anti-Haltung. Sie haben Vorurteile wegen der Sachen, die sie tagtäglich erleben, Vorteile wie: Die sind immer besoffen, sie schlagen ihre Partner:innen, sie klauen im Supermarkt. Sie sehen nur das Schlechte an uns. Und wenn man nicht so aktiv darüber nachdenkt, dass es Teil des Jobs ist – ich kann es verstehen, wenn es zu so Fronten kommt.
Es war total spannend zu sehen, wie viel „Angst” die Polizist:innen vor Begegnungen haben. Die sitzen da in ihrer Montur, sie haben sogar manchmal eine Dienstwaffe dabei und trotzdem fürchten sie diesen Moment, wo eine fremde Person kommt und sie gleich kritisiert. Weil sie das erwarten. Und es ist super schön zu sehen, wie sich das abbaut und super spannende Gespräche dabei entstehen.
Das gilt ganz allgemein für alle Veranstaltungen von Hummustopia: Daneben zu stehen und zu sehen, wie Leute nachdenken, wie sie nach oben gucken und sich irgendetwas in ihrer Perspektive ändert, ist das Schönste, was mir passiert.
KräftigeGüteStiftung: Die Reaktionen waren also eher positiv?
Avraham: Absolut, ja. Also von beiden Seiten, sowohl von den Polizist:innen als auch von den anderen Menschen, die da waren. Es war für alle etwas komplett Neues natürlich, und es hat auch etwas Zeit gebraucht, bis sich alle daran gewöhnt haben, aber dann gab es wirklich richtig schöne Situationen des Austauschs.
KräftigeGüteStiftung: Du hast selbst gesagt, das Projekt mit der Polizei war ein Traum von dir. Wie geht es weiter, mit dieser Zusammenarbeit und mit Hummustopia allgemein?
Avraham: Das Pilotprojekt ist von der Sozialbehörde. Ich bin in deren Entscheidungsprozesse natürlich nicht involviert. Ich bin ein Leistungsgeber. Ich kann nur Angebote machen. Gestern (Anm. d. Red.: 15. Juli 2025) hatten wir einen Reflektionstermin mit drei Menschen von der Beschwerdestelle der Polizei und zwei Polizeikommissar:innen, also von der Leitung, und die sind weiterhin gerne dabei. Ob die Sozialbehörde das weiter unterstützt, weiß ich nicht. Das Kooperationsprojekt soll auf jeden Fall ausgebaut werden und auch auf andere Teile Hamburgs ausgeweitet werden.
Ob Hummustopia mitkommt? Das wäre natürlich mein Wunsch, weil es super sinnvoll wäre. Es ist nicht meine Entscheidung, aber ich habe ein gutes Gefühl.
Und natürlich geht es bei uns mit anderen Plänen weiter. Jetzt gerade zum Beispiel ist eine Veranstaltung mit dem FC St. Pauli geplant. Da gibt es gerade einen Konflikt wegen der Vereinshymne, die zunehmend boykottiert wird, weil der Text von einem Menschen stammt, der im 2. Weltkrieg sehr aktiv für das NS-Regime war. Und um die Fronten zu entschärfen, planen wir ein Event mit Hummustopia direkt vor dem Stadion. Es steht also viel an.
Das kann man wohl sagen! Vielen Dank für das Interview und den tollen Abend!
Die Geschichte von Isaac Wright Jr. ist vielleicht eine der spannendsten und gütekräftigsten unserer Zeit: vom Musikproduzenten zum lebenslang Inhaftierten, vom Gefangenen zum Anwalt – und schließlich zum Hoffnungsträger für Unschuldige im ganzen Land.
Teil 2 unserer dreiteiligen Serie zeigt, wie Isaac Wright Jr. mit juristischem Scharfsinn aus der Zelle heraus zentrale Schwachstellen seiner Anklage aufdeckte. Er entlarvte gefälschte Beweise und unzulässige Absprachen, brachte so systematische Fehler ans Licht und leitete die Wende in seinem Fall ein. Zugleich wurde sichtbar, dass auch das Justizsystem in der Lage ist, eigenes Fehlverhalten aufzudecken, zu korrigieren und sich von innen heraus zu erneuern.
Am Ende von Teil 1 hatte Isaac Wright Jr. bereits Unglaubliches erreicht: Er verwandelte sich vom Gefangenen zum juristischen Autodidakten und half Mitinsassen bei ihren Verfahren. Doch sein größtes Ziel stand noch aus – die Aufhebung seiner eigenen lebenslangen Strafe und der Beweis seiner Unschuld.
Teil 2: Der eigene Anwalt
„Die Jahre vergingen und verschmolzen miteinander, etwas, von dem ich keine Ahnung hatte, dass Jahre dazu in der Lage waren. Wenn man jung ist, nehmen sich die Jahre Zeit, entwickeln eine Identität, behaupten sich. Mit zunehmendem Alter gehen sie langsam ineinander über. Im Gefängnis türmen sie sich einfach übereinander und werden zu einem verschwommenen Fleck. Es war eine nervtötende Wiederholung jedes Tages, die selbst den stabilsten Menschen in den Wahnsinn treiben konnte.“
Mit diesen Worten beschreibt Isaac Wright Jr. in seiner Biografie „Marked for Life“ seine Tage im Gefängnis. Doch statt dem Wahnsinn zu verfallen, blieb er stets bei sich und arbeitete verbissen daran, die Wahrheit ans Licht zu bringen.
Denn er wusste, dass er unschuldig war. Von Anfang an bestritt Wright Jr. jegliche Beteiligung an einem Drogenring und forderte die Geschworenen auf, aus seiner Sicht offene Lücken in der Argumentation der Staatsanwaltschaft anzuerkennen. „Dieser gesamte Fall basiert auf einer Lüge – motiviert durch Eifersucht, Rachsucht und rassistische Selektivität“, sagte Wright Jr. damals. Doch bis er seine Unschuld beweisen konnte, war es ein langer und steiniger Weg, den er zu gehen hatte.
Durch sein Selbststudium im Gefängnis hatte er bereits früh herausgefunden, dass die Geschworenen in seinem Prozess nicht ordnungsgemäß über die Anforderungen des Kingpin-Gesetzes informiert worden waren. „Die Definition eines Kingpins im Strafgesetzbuch war eindeutig, aber die Anweisungen an die Geschworenen waren extrem allgemein gehalten. Gemäß den Anweisungen an die Geschworenen bezog sich der Begriff ‚Kingpin‘ auf jeden, der an einer Drogenverschwörung beteiligt war, sogar auf eine Gruppe von Süchtigen, die sich zum Verkauf von Drogen zusammentaten, um ihre eigene Sucht zu finanzieren“, schreibt Wright Jr. in seiner Biografie.
Doch weil sein Fall sehr im Fokus der Öffentlichkeit stand, zögerte Wright Jr., diese Entdeckung gleich für eine eigene Berufung zu nutzen. Er fürchtete, auf zu große Widerstände zu stoßen und schnell abgewiesen zu werden. Also legte er seine Theorie in die Schublade, widmete sich weiter seinen Studien und wartete auf den richtigen Augenblick, um sie auszuprobieren. Und das Warten machte sich bezahlt. Eines Tages stellte ihm ein Mithäftling, der als Rechtsassistent andere Insassen in juristischen Fragen beriet, Ryan Lee Alexander vor. Dieser war wie Wright Jr. als Kingpin verurteilt worden und hatte sich bereits entschieden, in Berufung zu gehen – was fehlte, war die richtige Strategie.
Kingpin-Gesetz: Härte als Schwäche, Fairness als Stärke
Wright Jr. hatte plötzlich die Gelegenheit, ein erstes Ausrufezeichen zu setzen. Doch Alexanders Pflichtverteidiger misstraute seinem Klienten, obwohl er anerkannte, dass dessen Theorie gut durchdacht war. Er konnte sich schlicht nicht vorstellen, dass Wright Jr. als Autodidakt die Idee und die darauf basierende Verteidigungsstrategie selbst formuliert hatte, und lehnte es deshalb ab, sie zu übernehmen. Doch Wright Jr. blieb hartnäckig und überzeugte Alexander, sie selbst in einen ergänzenden Schriftsatz für seine Berufung aufzunehmen. Und siehe da: Die Strategie „schlug ein wie eine Lenkrakete.“
1994 ging Alexanders Berufung bis zum Obersten Gerichtshof des Bundesstaates, der seine lebenslange Haftstrafe aufhob, ihn aus dem Gefängnis entließ und infolgedessen ein neues Gesetz auf der Grundlage der Theorie schuf. Denn das Aufhebungsurteil der Berufungskammer stellte klar: Die Geschworenen hätten darauf hingewiesen werden müssen, dass die Beweislast, wonach der Angeklagte als „hochrangiges Mitglied“ eines organisierten Drogenhandelsnetzwerks fungierte, beim Staat lag.
Das bisherige Kingpin-Gesetz war im Kern auf Fairness angelegt, ließ aber zu viel Spielraum für Härte – ein Mangel, den erst das Aufhebungsurteil sichtbar machte und korrigierte. Rechtsanwalt Gilbert G. Miller, der später als stellvertretender Staatsanwalt mit der Berufung von Wright Jr. befasst war, äußerte sich beeindruckt zu seiner Beteiligung am Präzedenzfall Alexander: „Ich fand Herrn Wright äußerst intelligent und einen besseren Schriftsatzverfasser als die meisten Anwälte, denen ich begegnet bin. Am meisten beeindruckte mich Mr. Wrights Fähigkeit als Rechtsstratege.“
Unrecht und Schaden durch Machtmissbrauch
Obwohl Wright Jr. so seine lebenslange Haftstrafe durch die Kingpin-Verurteilung erfolgreich anfocht und die Berufungskammer von New Jersey sein Urteil ein Jahr später aufhob, verging bis zur finalen Bestätigung durch die höchste Instanz fast ein weiteres Jahr. Für eine Entlassung in die Freiheit reichte dies ohnehin nicht aus, da die zusätzlichen 70 Jahre Gefängnisstrafe, zu denen er wegen vermeintlicher weiterer Vergehen verurteilt worden war, bestehen blieben.
Wright Jr. war sich bewusst, dass der Beweis seiner Unschuld und eine Aufhebung aller Urteile erfordern würden, die illegalen Absprachen und fingierten Beweise aufzudecken, die zu seiner Verurteilung geführt hatten. Doch dazu brauchte er großes Fingerspitzengefühl, denn er hatte es mit professionellen Juristen zu tun, die genau wussten, was sie taten. Ihm gegenüber stand Nicholas L. Bissell Jr., der langjährige Staatsanwalt von Somerset County.
Dieser wurde häufig beschuldigt, seine Macht auszunutzen. Er machte keinen Hehl daraus, dass er in der Berufung am längeren Hebel saß. Über Jahre verweigerte er ihm Einsicht in seine Unterlagen, obwohl er diese der Verteidigung eigentlich gewähren musste.
Im Juli 1995 wurde selbst für den angesehenen Staatsanwalt der Druck zu groß, er musste Wright Jr. entgegenkommen. Für einen Tag gewährte er diesem den Zugang zu allen Ermittlungsunterlagen. Einerseits eine einmalige Chance, anderseits auch ein unmögliches Unterfangen, angesichts der schieren Menge an Akten.
Doch Isaac Wright Jr. gelang an diesem schicksalhaften Tag das Unmögliche. Er fand die Nadel im Heuhaufen: In einer unscheinbaren Aktennotiz bestätigten die an seinem Fall beteiligten Detectives gegenüber dem Staatsanwalt, ihre Polizeiberichte gegenseitig gelesen zu haben. Vor Gericht hatten sie dies noch geleugnet. Wright Jr. war sofort klar, dass diese Information einen entscheidenden Vorteil bringen konnte.
Denn wenn ein:e Polizeibeamt:in A den Bericht von Kolleg:in B gelesen hat, darf die Verteidigung A vor Gericht zu den Inhalten und möglichen Widersprüchen in Bs Bericht befragen. Auf diese Weise kann sie die Glaubwürdigkeit von B infrage stellen, ohne B direkt vernehmen zu müssen.
Eine Strategie für Gerechtigkeit
Diese Aktennotiz würde „alle Lügen wie ein scharfes Messer durchschneiden“, war sich Wright Jr. sicher. Er müsste nur eine Schwachstelle in der falschen Beweiskette finden. Doch das war riskant, denn Wright Jr. rechnete fest damit, dass er nur eine einzige Chance haben würde. Er musste auf den Überraschungseffekt setzen.
Wochenlang erstellte er Profile aller Detectives, studierte sämtliche Berichte zu seinem und ähnlichen Fällen noch einmal minutiös und holte Infos von Mitinsassen ein, die selbst schon mit diesen Detectives zu tun gehabt hatten. „Ich untersuchte die Art und Weise, wie sie die Fakten darstellten, verglich die Diskrepanzen zwischen verschiedenen Versionen der Vorfälle und maß, wie leicht es ihnen fiel, zu lügen. Es war primitiv, aber ich arbeitete mit dem, was ich hatte, um eine fundierte Vermutung darüber anzustellen, wer am ehesten zusammenbrechen würde. Als ich fertig war, stach ein Polizist hervor: Detective James Dugan.“
Entscheidende Anhörung
1996 kam es zur entscheidenden Anhörung. Wright Jr. vertrat sich selbst und konfrontierte Dugan im Kreuzverhör mit Beweisen für systematisches Fehlverhalten. Unter Druck gesetzt gestand der Beamte, dass er Berichte gefälscht, Beweise manipuliert und Zeug:innen beeinflusst hatte. Dugans Geständnis, mit dem er selbst einer Gefängnisstrafe entging, brachte weitreichende und systematische Verfehlungen und Vertuschungen ans Licht.
Staatsanwalt Nicholas L. Bissell Jr. wurde als Drahtzieher dieses Fehlverhaltens identifiziert. Er hatte Polizeibeamt:innen aktiv angewiesen, ihre Berichte zu fälschen, während er persönlich die falschen Aussagen von Zeugen:innen gegen Wright Jr. diktierte. Zudem traf er geheime Absprachen mit der Strafverteidigung, damit deren Mandant:innen vor der Jury logen, Wright Jr. sei ihr Drogenboss. Dieses missbräuchliche und korrupte Vorgehen brachte dem Staat keinen Gewinn – aber es gab ihm die Chance, es künftig besser zu machen.
Das System reinigt sich von innen
Während Wright Jr. weiter um seine Freiheit kämpfte, zeigte der Staat die Fähigkeit zur Selbstkorrektur: Zwei zentrale Figuren seines Prozesses, Richter Imbriani und Staatsanwalt Bissell Jr., wurden selbst Teil von Ermittlungen und Sanktionen.
Imbriani, der Wright Jr. 1991 verurteilt hatte, verlor sein Amt, nachdem er der Unterschlagung und Steuerhinterziehung überführt worden war. Bei Bissell Jr. deckte eine bundesstaatliche Untersuchung neben dienstlichen Fehlern auch illegale persönliche Bereicherung und Betrug auf, was zur Anklage, Verurteilung und seinem Selbstmord auf der Flucht vor der Strafverfolgung führte.
Richter Leonard Arnold, Imbrianis Nachfolger am Obersten Gerichtshof von New Jersey, fasste später zusammen: „Dies ist ein Fall, in dem die höchsten Polizeibeamten dieses Countys das Verfassungsrecht offen missachtet haben.“
Doch der Staat übernahm Verantwortung, gestand Fehler ein und justierte das System nach – ein markanter Beleg für die Bereitschaft zur Kontrolle und Korrektur von Machtmissbrauch auch in den höchsten Reihen der Justiz.
Wette auf eine glorreiche Zukunft
Die Enthüllungen über systematische Fälschungen und Korruption erschütterten das gesamte Justizsystem von Somerset County. Für Wright Jr. war dies der entscheidende Wendepunkt. Im Mai 1996 sprach der Oberste Gerichtshof ihm das Recht auf ein neues Verfahren zu. Im Dezember desselben Jahres kam er erstmals gegen Kaution frei – mehr als sieben Jahre nach seiner Festnahme.
Obwohl Wright Jr. einen steinigen Pfad beschritt, erfuhr er auch immer wieder Unterstützung, fand selbst in einem scheinbar kranken System Menschlichkeit – angefangen bei der Möglichkeit, sich juristisch weiterzubilden und mit anderen zu vernetzen, über den Zugang zu Unterlagen seiner Gegner bis hin zu einer ganz konkreten Szene kurz vor seiner Freilassung:
Ein Wärter kam zu seiner Zelle und rang ihm das Versprechen ab, nicht wieder zurückzukommen, denn er und der gesamte Vollzugsdienst hätten auf ihn gewettet, schildert Wright Jr. die Situation.
„Ich verspreche Ihnen, dass ich nicht auf diese Seite zurückkommen werde. Aber vielleicht komme ich von draußen zurück, um in Ihr Büro zu kommen und etwas von dem Geld zu holen, das Sie gewonnen haben“, lautete seine Antwort, während er die Hand des Wärters schüttelte. Zu sich selbst sagte Wright Jr.: „Es war in einen Scherz und eine Wette verpackt, aber ich konnte erkennen, dass er an mich glaubte.“
Teil 2 endet hier. Doch Isaac Wright Juniors Reise war mit der Freilassung nicht abgeschlossen. Schon im Gefängnis hatte er begonnen, als juristischer Autodidakt auf ein gütekräftigeres System hinzuarbeiten und anderen Gefangenen zu helfen.
Als nächstes begleiten wir Wright Jr. beim Schritt in die Freiheit, die er sofort nutzt, um zum Verteidiger Unschuldiger zu werden und das Rechtssystem weiter zu reformieren.
Wie er damit endgültig zum Symbol für Gerechtigkeit wurde und warum seine Geschichte inzwischen sogar unter prominenter Beteiligung verfilmt wurde, erzählt Teil 3.
Als Reinhard Wiesemann die Preisverleihung im Erich-Brost-Pavillon auf Zeche Zollverein eröffnet, taucht die untergehende Sonne die Essener Skyline in ein malerisches Abendrot. In 38 Metern Höhe auf dem Dach der ehemaligen Kohlenwäsche des UNESCO-Welterbes bietet sich dem Vorsitzenden der KräftigeGüteStiftung und den knapp 250 geladenen Gästen ein spektakulärer Panoramablick über das Industriedenkmal. Das Naturfarbspiel unterstrich an diesem historischen Tag, genau 100 Jahre nach der gewaltfreien Beendigung der Ruhrbesetzung, die Bedeutsamkeit des untrennbar mit Frieden verknüpften Preises im Jahr 2025.
Reinhard Wiesemann eröffnet die Preisverleihung im Abendlicht.
Blick von Zeche Zollverein auf den Sonnenuntergang über Essen
Die Wirkmacht gütekräftigen Vorgehens
„Ich hätte nie gedacht, dass ich mich einmal für Güte starkmachen müsste“, beginnt Reinhard Wiesemann seine Rede. In Anbetracht grassierender Aggressionen und Machtmissbräuche durch Staaten weltweit, setzt sich die KräftigeGüteStiftung für gewaltfreie Ansätze bei Polizei, Justiz, Politik und Diplomatie ein. „Güte ist ein effektives, nachhaltiges und günstiges Mittel für den Staat.“
Die Verleihung des ersten Gütekraft-Preises ist für den Vorstand der Stiftung daher ein wichtiger Baustein, um Entscheidungsträger des Staates von der Wirkmacht gütekräftigen Vorgehens zu überzeugen und diejenigen zu ehren, die sich darum verdient machen. Zum Rahmenprogramm gehörten unter anderem Reden von Dr. Martin Arnold und Prof. Karsten Rudolph über die Bedeutung gewaltlosen Widerstandes und gütekräftiger Diplomatie in der Menschheitsgeschichte sowie musikalische Beiträge von Vorstandsmitglied Peter Helle mit der Gütekraft-Hymne und dem Chor Living Voices.
Güte beginnt in Familie und Nachbarschaft
Der Veranstaltung ging außerdem ein Familienfest mit Kirmes-Charakter auf Zeche Zollverein voraus, bei dem Eltern und Kinder auf spielerische Weise mit Feuerwehr, Rettungskräften, dem Jugendamt und engagierten sozialen Organisationen wie der AWO, dem Essener Lernzentrum, dem Jugend-Migrationsdienst und dem Zukunft-Bildungswerk in Berührung kamen. „Das Verständnis davon, wie Güte im Alltag wirken kann, muss bereits in der Familie und Nachbarschaft beginnen“, sagte Reinhard Wiesemann.
Als Preisträger des Abends verkörpere der Initiativkreis Religionen in Essen (IRE) diese Grundüberzeugung der Stiftung, indem unterschiedlichste Menschen und Viertel der Stadt zusammengebracht werden, sagte Laudator Thomas Kufen. Der Oberbürgermeister der Stadt Essen zollte insbesondere der Konsensfähigkeit des IRE in politisch turbulenten Zeiten Respekt: „Manchmal sind die Unterschiede groß. Manchmal gibt es Fragen, die einfach nicht beantwortet werden können. Aber IRE weiß das und man muss eben nicht in allen Punkten übereinstimmen, um für Frieden, Respekt und Gerechtigkeit gemeinsam zu handeln.“
„Respekt vor der Wahrheit des jeweils anderen“
Seit 15 Jahren vertritt der IRE mit diesem Ansatz sechs unterschiedliche Religionsgemeinschaften, die nicht das Ziel haben, sich zu einigen, sondern gemeinsam zu handeln. Der Initiativkreis organisiert unter anderem Kulturdialoge, Gedenkveranstaltungen, Bildungsprojekte und interreligiöse Sport- und Musikevents. Insbesondere werden Anregungen für eine friedliche Zukunft der Stadtgesellschaft im Dialog erarbeitet und auch gemeinsame Erklärungen abgegeben.
„Das Gemeinsame in die Mitte zu stellen und das vermeintlich Trennende an den Rand – das ist unser Leitgedanke“
Pfarrer Andreas Volke, der den Gütekraft-Preis mit den Vertretern des Initiativkreises entgegennahm, erklärte das Gelingen dieses Ansatzes mit „Respekt vor der Wahrheit des jeweils anderen“ und einem Verantwortungsgefühl, das die Mitglieder des IRE verspürten. Der Leitgedanke, „das Gemeinsame in die Mitte zu stellen und das vermeintlich Trennende an den Rand“, sei nicht immer einfach, aber lohne jeden Aufwand für eine friedliche, demokratische Gesellschaft.
„Wer nach außen Frieden verkündet, muss auch in seinen inneren Entscheidungen den Weg des Friedens wählen. Wer Respekt einfordert, muss auch selbst respektvoll miteinander umgehen.“
„Alle Religionen, jede gelebte Kultur und jede Stadtgesellschaft haben einen gemeinsamen Auftrag zum Frieden, den es auszugestalten gilt“, sagte Andreas Volke. Die Geschichte des IRE selbst begann in einer Zeit, in der Hass gegen Sikhs und Juden mit teils religiösen Begründungen um sich griff. Darum mahnte der Pfarrer: „Wer nach außen Frieden verkündet, muss auch in seinen inneren Entscheidungen den Weg des Friedens wählen. Wer Respekt einfordert, muss auch selbst respektvoll miteinander umgehen.“
Vielfalt als Bereicherung, Güte als Stärke
Dem Initiativkreis gelinge dies heute unter anderem, indem Vielfalt und Verschiedenheit nicht zum Hindernis, sondern vielmehr zur Bereicherung genutzt würden, sagte Thomas Kufen. Andreas Volke richtete seinerseits Dank zurück an den Laudator. Dass der Oberbürgermeister den IRE im Rathaus empfängt und ernst nimmt, sei nicht selbstverständlich. Doch die enge Zusammenarbeit bekräftige die Lokalpolitik im Umgang mit religiös radikalen oder extremistischen Menschen, die anders als die Mitwirkenden des Initiativkreises nicht von ihren religiösen Dachverbänden entsendet und legitimiert werden.
Reinhard Wiesemann mit den Preisträgern und Preisträgerinnen
Dr. Martin Arnold hält eine Rede.
Nicht zuletzt diese Erfolge auf politischer Ebene waren ein entscheidender Grund für den Vorstand, den IRE mit dem ersten Gütekraft-Preis auszuzeichnen, bekräftigte Reinhard Wiesemann. „Wir sehen einmal mehr: Güte ist kräftig und nicht schwach.“ Mit seinem einzigartigen Modell „gelebter Gütekraft“ könne der Initiativkreis ein Beispiel für weitere Städte und Kommunen in ganz Deutschland sein.
Ein Friedenspreis mit praktischem Anspruch
Genau diese stellt auch die Skulptur des Künstlers Marcus Kiel dar, die die Vertreterinnen des IRE für ihren Einsatz feierlich überreicht bekamen: zwei Parteien, dargestellt als stählerne Klammern auf Grubenholz, die sich gegenüberstehen. Der Abstand zwischen ihnen bietet Platz für gütekräftige Konzepte, wie beide Parteien gewaltfrei aufeinander zugehen können.
Darüber hinaus war der Preis mit Geld verbunden, das der Initiativkreis Religionen Essen nutzen will, um seine Arbeit auszuweiten und mehr Engagierte, insbesondere Frauen, zu gewinnen. Dieser direkte Aufruf fand gleich im Anschluss an die Preisverleihung regen Anklang. Dutzende Menschen blieben noch bis spät in den Abend. Sie lernten sich kennen, tauschten sich über Lösungsansätze für drängende Herausforderungen unserer Zeit aus oder verabredeten sich gleich zu gemeinsamen Aktionen für mehr Gütekraft.
In politischen Debatten steht immer wieder die Behauptung im Raum, Menschen, die nach Deutschland einwandern, würden meist keine Bildungsabschlüsse haben. „Das ist Unsinn!“ und „Selbst, wenn es stimmte, wäre das nicht schlimm“, sagen Reinhard Wiesemann und Serdar Yüksel MdB, Vorsitzender und stellvertretender Vorsitzender der KräftigeGüteStiftung. Sie erklären, wie es tatsächlich um die Bildungsabschlüsse unter Migranten steht und weshalb auch die Aufnahme ungelernter Menschen eine gütekräftige politische Praxis ist.
REDAKTION: Serdar, du engagierst dich nicht nur als stellvertretender Vorsitzender der KräftigeGüteStiftung, sondern auch als Abgeordneter in deinem Wahlkreis Wattenscheid sowie im Parlament in Berlin für Menschen, die nach Deutschland einwandern – stimmen die Aussagen der AfD, dass unter Migranten in erster oder auch zweiter und dritter Generation kaum Fachkräfte zu finden sind?
SERDAR: Die Behauptung, unter Migrantinnen und Migranten gäbe es kaum Fachkräfte, ist schlicht falsch. Viele bringen Abschlüsse mit – und in zweiter oder dritter Generation sind sie längst Ärzte, Ingenieure, Handwerker oder Unternehmer.
Das Klischee vom ‚bildungsfernen Migranten‘ entspricht nicht der Realität. Es wird bewusst gestreut, um Ängste zu schüren, aber es widerspricht der Lebenswirklichkeit, die wir täglich erleben.
Der Querschnitt geflüchteter Menschen ist dabei genauso unterschiedlich wie alle anderen, wie unsere Gesellschaft auch.
Serdar Yüksel MdB, stellvertretender Vorsitzender der KräftigeGüteStiftung
„Das Klischee vom ‚bildungsfernen Migranten‘ entspricht nicht der Realität. Es wird bewusst gestreut, um Ängste zu schüren, aber es widerspricht der Lebenswirklichkeit.“
Reinhard Wiesemann, Vorsitzender der KräftigeGüteStiftung
REDAKTION: Reinhard, als Vorsitzender der Stiftung sagst du, gerade diejenigen aufzunehmen, die keine höhere Schul- oder Fachausbildung haben, ist sehr gütekräftig. Erklär uns doch zu Anfang, was der Begriff „Gütekraft“ genau bedeutet.
REINHARD: „Wenn’s nicht mit Güte geht, dann eben mit Gewalt“ – das ist die verbreitete Sichtweise, die täglich zu schädlichen Handlungen führt und uns immer größere Probleme beschert.
Denn Gewalt täuscht Wirksamkeit nur vor, schafft aber in Wirklichkeit Feinde, Spannungen und Instabilität. Gewalt ist wie das Schmerzmittel, das symptomatisch Linderung schafft, aber die wahre Ursache unbehandelt lässt. Wenn die Polizei zum Beispiel mit einer Hundertschaft gegen wütende Demonstranten vorgeht, dann ist die Wut auf der Straße zunächst nicht mehr sichtbar, aber unter der Oberfläche ist sie stärker als je zuvor, findet sogar neue Unterstützer. Und sie wird sich immer wieder neu entladen, denn die Gewaltspirale ist im vollen Gang.
Güte dagegen ist eine völlig unterschätzte Alternative, mit der wir genauso wie mit Gewalt Ziele erreichen können. Aber sie hat keine schädlichen Nebenwirkungen, denn sie adressiert die Ursache eines Problems, schafft Verbündete und führt zu langfristig stabilen Verhältnissen. Wenn wir im Beispiel der wütenden Demonstranten bleiben, dann würde die Polizei das Gespräch mit den Demonstranten suchen, Absprachen treffen und auf Einhaltung des legalen Rahmens drängen. Dafür gibt es wunderbare Beispiele, wie das funktioniert – beide Seiten bekommen ihren Raum, aber es bleibt friedlich.
Güte ist eine völlig unterschätzte Alternative, mit der wir genauso wie mit Gewalt Ziele erreichen können. Aber sie hat keine schädlichen Nebenwirkungen, denn sie adressiert die Ursache eines Problems, schafft Verbündete und führt zu langfristig stabilen Verhältnissen.“
REDAKTION: Serdar hat bereits erläutert, dass ein Großteil der Einwanderer fachliche Qualifikationen mitbringt beziehungsweise sich diese im Lauf der Zeit hart erarbeitet – noch dazu in einer neuen Sprache. Aber was ist mit den anderen, die ja auch kommen? Sollte deutsche Migrationspolitik darauf abzielen, zum Beispiel nur studierte Menschen aufzunehmen?
REINHARD: Auf keinen Fall! Nehmen wir die AfD als Beispiel. In ihrem Wahlprogramm priorisiert die Partei die „kulturelle Identität Deutschlands“ und will nur begrenzt und nur qualifizierte Einwanderung erlauben. Doch Deutschland ist schon lange nicht mehr ausreichend attraktiv für Fachkräfte.
Wenn wir den AfD-Weg gehen würden, dann hätten wir viel zu geringe Einwanderungszahlen und angesichts der Überalterung unserer Bevölkerung würden Wirtschaft und Wohlstand schrumpfen.Wir sehen das jetzt schon, und wir müssen jetzt etwas dagegen tun.
Selbst wenn die Geburtenrate sofort ansteigen würde, es würde etwa 20 Jahre dauern, bis die neue Generation ausgebildet wäre. Doch zunächst unqualifizierte junge Einwanderer sind schon nach 5-10 Jahren in qualifizierten Berufen. Sie entwickeln eine tiefe Bindung zu Deutschland, und als Nebeneffekt entstehen für unser Land positive Beziehungen zu den Herkunftsländern.
Die Statistik der Arbeitsagentur bestätigt diese Sichtweise: „Die Erwerbstätigenquote der Syrerinnen und Syrer, die im Jahr 2015 nach Deutschland zugezogen sind, lag nach sieben Jahren Aufenthalt bei gut 60 Prozent, Tendenz steigend.“ Und neuere Zahlen zeigen, dass von den rund 1 Million Geflüchteten nach Assads Sturz nur 4.000 nach Syrien zurückgekehrt sind.
Würden wir dagegen Menschen erst in späterem Lebensalter als ausgebildete Fachkräfte aus anderen Ländern abwerben, dann füllt sich Deutschland mit Menschen, die eine viel schwächere Bindung zu uns haben, und wir beschädigen unsere Beziehungen zu den Herkunftsländern.
Was allerdings auch nicht verschwiegen werden darf: Wer wenig qualifizierte junge Menschen ins Land lässt, der erlebt darunter auch Halbstarke mit ihren typischen Problemen und leider auch einen gewissen Prozentsatz an Straftätern. Einen Preis zahlt man immer.
„Es ist nicht nur ein Akt der Humanität, Migranten willkommen zu heißen – es ist eine Frage der Vernunft und der Stabilität unserer Gesellschaft.“
REDAKTION: Serdar, du warst knapp 20 Jahre als Krankenpfleger tätig. Kannst du Reinhards Argumentation mit Beispielen aus dem Berufsalltag füllen?
SERDAR: Gerade auch als Vorsitzender der Arbeiterwohlfahrt, die Integrations- und Sprachkurse anbietet, und als Gesundheitspolitiker sehe ich jeden Tag, wie wichtig Zuwanderung ist.
Ohne die Menschen, die zu uns gekommen sind und hier als Fachkräfte arbeiten, wäre unser Gesundheitssystem schon längst zusammengebrochen. Viele von ihnen füllen Lücken, die wir allein nicht mehr schließen können. Es ist nicht nur ein Akt der Humanität, sie willkommen zu heißen – es ist eine Frage der Vernunft und der Stabilität unserer Gesellschaft.
REDAKTION: Wie wirksam sind aus deiner Erfahrung staatliche Programme, die bewusst zum Beispiel Pflegekräfte anwerben?
SERDAR: Natürlich brauchen wir Anwerbeprogramme im Ausland, etwa für Pflegekräfte. Aber noch entscheidender ist, dass wir diejenigen stärken, die bereits hier sind.
Wenn wir in Sprachkurse investieren, wenn wir die Anerkennung von Abschlüssen beschleunigen und echte Ausbildungsperspektiven schaffen, dann gewinnen wir gleich doppelt: Die Menschen können schnell auf eigenen Beinen stehen – und unsere Gesellschaft profitiert unmittelbar von ihren Fähigkeiten.
„Wer Straftätern mit Härte begegnet, erzeugt starke Bilder und Schlagzeilen, aber er bekämpft nur die Symptome.“
REDAKTION: Die KräftigeGüteStiftung spricht ganz gezielt etwa politische Akteure an, die Gesetze anstoßen oder Programme in diesem Sinne aufsetzen. Wie gelingt das und was gibt es bereits an Beispielen in der Migrationspolitik, die zeigen, dass Güte kräftiger ist als Härte und Strafen?
REINHARD: Gütekräftiges Handeln ist nicht nur moralisch überlegen, es ist auch effektiver und damit klüger. Deutschland hat sich 2015 höchst gütekräftig verhalten, und das hat uns schon heute vor zahlreichen Problemen bewahrt. Wenn wir nur die geringe Zahl qualifizierter Menschen ins Land gelassen hätten, die sich um Einwanderung bewerben, dann gäbe es in zahlreichen Bereichen unseres Lebens – auch in medizinischen und pflegerischen – einen noch größeren Personalnotstand, als wir ihn jetzt haben.
Und was den Umgang mit Straftätern angeht: In Deutschland sind wir sehr erfolgreich mit gütekräftigen, Resozialisierung betonenden Ansätzen. Wir haben zum Beispiel im Vergleich mit den viel mehr auf Härte setzenden USA nur 10 Prozent der Strafgefangenen. Auch die Mordrate ist in Deutschland um 80 Prozent geringer als in den USA.
Das Problem liegt in der Wahrnehmung: Wer Straftätern mit Härte begegnet, erzeugt starke Bilder und Schlagzeilen, aber er bekämpft nur die Symptome. Wer dagegen die Ursachen von Kriminalität bekämpft, wird als nachdenklich und schwach wahrgenommen, doch er beseitigt das Problem an der Wurzel.
REDAKTION: Serdar, du hast damals noch als Landtagsabgeordneter mit der Caritas die Initiative „Flüchtlingsdorf Ruhrgebiet“ ins Leben gerufen. Diese Entscheidung war nicht nur beliebt – hat sich diese politische Güte gelohnt?
SERDAR: Im Jahr 2015 habe ich das Flüchtlingsdorf Ruhrgebiet in Kurdistan/Nordirak mitinitiiert. Wir sind mit 100 Containern gestartet, heute leben dort fast 9.000 Menschen. Uns ging es nicht nur darum, Menschen vorübergehend unterzubringen, sondern ihnen eine echte Lebensperspektive zu geben.
Deshalb gibt es im Dorf Gewächshäuser, eine Bäckerei, Handwerker- und Ladenstraßen, ein Jugendzentrum, eine Bibliothek, ein Therapiezentrum, eine Zahnarztpraxis und sogar einen Sportplatz.
Damit ist ein Ort entstanden, der nicht nur Schutz bietet, sondern auch Bildung, Arbeit, Gemeinschaft und Hoffnung. Anfangs gab es viel Skepsis, aber heute zeigt sich: Wenn wir mit Güte handeln, entfaltet das eine enorme Kraft – Zweifel und Widerstände verlieren dagegen an Bedeutung.
REDAKTION: Die AfD hat in Sachsen-Anhalt mal gefordert, dass Kinder aus der Ukraine gesondert unterrichtet werden sollten. In Schulen nämlich, auf die ausschließlich ukrainische Kinder gehen und wo auf Ukrainisch unterrichtet werden sollte. So wollte man überforderte Lehrkräfte entlasten und dafür sorgen, dass die Menschen nach Ende des Krieges nicht in Deutschland bleiben würden.
„Wir können froh sein, dass so viele junge Menschen nach Deutschland kommen, die bei uns ausgebildet werden“
REINHARD: Ich verstehe nicht, wie man in einer Zeit des Personalnotstands in fast allen Branchen darüber nachdenken kann, junge Menschen aus Deutschland zu vertreiben. Wir brauchen Nachwuchs für die Babyboomer-Generation, und wir befinden uns in einem internationalen Wettbewerb um fähige, engagierte Menschen.
Wir können froh sein, dass so viele junge Menschen nach Deutschland kommen, die bei uns ausgebildet werden und hoffentlich so starke Bindungen an Deutschland entwickeln, dass sie bleiben. Und das geht natürlich nur, wenn die Kinder am Regelunterricht teilnehmen, sobald sie grundlegende Sprachkenntnisse haben.
„Integration funktioniert und bereichert unser Zusammenleben. Populismus hingegen bietet keine Lösungen – er verstärkt nur die Probleme und spaltet unsere Gesellschaft.“
REDAKTION: Wie gelingt es politisch, die Wähler und auch Parteikollegen oder Vorgesetzte von nachhaltiger Migrationspolitik zu überzeugen, die nicht nur populistisch an der Oberfläche kratzt, sondern wirklich gütekräftig ist?
SERDAR: Politisch überzeugt man Menschen nicht allein durch Appelle, sondern durch konkrete Erfolge, die im Alltag sichtbar werden: der syrische Jugendliche im Fußballverein, die afghanische Familie mit ihrem Café, der neue Nachbar, der als Pfleger oder Ärztin arbeitet.
Diese Geschichten zeigen, dass Integration funktioniert und unser Zusammenleben bereichert. Populismus hingegen bietet keine Lösungen – er verstärkt nur die Probleme und spaltet unsere Gesellschaft.
„Solange ein Großteil unserer Mitbürger daran glaubt, dass aktuelle Probleme mit Härte gelöst werden müssen, werden auch Politik und Verwaltung in diese Richtung tendieren.“
REDAKTION: Welche Projekte aus dem Bereich Migration und Migrationspolitik begleitet die KräftigeGüteStiftung aktuell und was ist als nächstes geplant?
REINHARD: Politik, Initiativen und Vereine sind Strukturen, in denen Menschen Meinungen vertreten, aktiv werden, und die wir von der Überlegenheit gütekräftigen Vorgehens überzeugen wollen. Migranten sind in diesen Strukturen noch unterrepräsentiert, deshalb kooperieren wir mit der neu gegründeten „Deutsch-Syrischen Initiative“ im Bereich gesellschaftliche Teilhabe.
Daneben nutzen wir Filme und andere öffentlichkeitswirksame Mittel, um Verständnis für Migranten zu fördern. Wir versuchen, zu der Vision eines höchst erfolgreich gütekräftig handelnden Staates beizutragen, der Win-win-Situationen für alle schafft.
Denn solange ein Großteil unserer Mitbürger daran glaubt, dass aktuelle Probleme mit Härte gelöst werden müssen, werden auch Politik und Verwaltung in diese Richtung tendieren. Um in dem anfangs erwähnten Beispiel zu bleiben: Die Polizei wird sich schwertun, gütekräftig auf wütende Demonstranten zuzugehen, wenn die Öffentlichkeit lautstark Härte fordert. Und auch an ihre Wiederwahl denkende Politiker stellen sich ungern gegen die öffentliche Meinung.
Ganz konkret sehen wir deshalb unsere Aufgabe darin, der Öffentlichkeit immer wieder die Überlegenheit gütekräftigen staatlichen Handelns zu erklären und an konkreten Beispielen zu belegen. Dazu trägt auch der Gütekraft-Preis bei, der in diesem Jahr zum ersten Mal verliehen wird. Und natürlich dieser Newsletter, in dem auf große und kleine Erfolge gütekräftigen Handelns staatlicher Machtträger hingewiesen wird.
„Was wir wirklich brauchen, ist eine neue Basis des friedlichen Zusammenlebens – getragen von einer positiven Vision unserer Gesellschaften.“
SERDAR: Wir erleben in unserem Staat und weltweit, dass die Fliehkräfte zunehmen und der gesellschaftliche Kitt zu bröckeln beginnt. Wer darauf mit Konfrontation, Härte und Abschottung reagiert, verschärft die Probleme nur.
Gewalt und Abgrenzung schaffen keine Zukunft. Was wir wirklich brauchen, ist eine neue Basis des friedlichen Zusammenlebens – getragen von einer positiven Vision unserer Gesellschaften.
Einer Vision, die nicht auf Gewalt baut, sondern auf Güte, Vertrauen und Respekt. Die Kraft der Güte bedeutet nicht Schwäche. Sie bedeutet, Konflikte nachhaltig zu lösen, statt sie zu verschärfen. Sie bedeutet, die Stärke in Menschlichkeit und Miteinander zu erkennen.
Nur wenn wir diese Haltung fest in unserer Politik und Gesellschaft verankern, können wir die Herausforderungen unserer Zeit gemeinsam bewältigen und in eine gute Zukunft gehen.
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