Drogenabhängige erhalten in Portugal keine Strafe, sondern Unterstützung

Seit der Entkriminalisierung von Drogenkonsum und -besitz für den Eigenbedarf vor 25 Jahren sind die Zahlen der Drogentoten in Portugal deutlich gesunken. Hinter dem Erfolg steht ein Ansatz, der als Modell für andere Länder dienen kann: Hilfe statt Bestrafung.

Im Jahr 2001 entkriminalisierte Portugal den Besitz und Konsum von Drogen für den Eigenbedarf. Drogenkonsument:innen und Abhängige kommen nicht mehr vor Gericht, stattdessen werden sie an Psycholog:innen verwiesen. Das Resultat nach 25 Jahren: Ein deutlicher Rückgang der durch Drogen verursachten Todesfälle. 

Radikale Entkriminalisierung

Ende der 1990er Jahre waren Drogen im Stadtbild portugiesischer Orte allgegenwärtig: Benutzte Spritzen, Konsum auf offener Straße. Eine von 100 Personen konsumierte in Portugal vor der Jahrtausendwende Heroin. Mit dem Konsum stieg auch die Zahl der HIV-Infizierten: Rund die Hälfte der damals 100.000 infizierten Personen ließ sich auf schweren Drogenkonsum zurückführen. Dann beschloss die Regierung unter Führung der Sozialistischen Partei einen radikalen Kurswechsel.

Auf Anraten der berufenen Anti-Drogen-Kommission entwickelte die Regierung einen Gesetzesentwurf, der Portugal zu einem der liberalsten Länder in puncto Drogenkonsum überhaupt macht. Nur wer mehr als eine festgelegte Höchstmenge an harten Drogen mit sich führt, wird des Handels mit Drogen verdächtigt und damit straffällig. Weniger als 25 Gramm Cannabis, fünf Gramm Haschisch, zwei Gramm Kokain oder ein Gramm Heroin gelten als Eigenbedarf. Wer solche Mengen illegaler Drogen mit sich führt, begeht keine Straftat mehr, sondern eine Ordnungswidrigkeit. 

Das Gesetz wurde 2001 verabschiedet. 2023 wurde es aktualisiert, seitdem sind nicht nur harte Drogen wie Kokain und Heroin, sondern auch synthetische Drogen wie LSD oder MDMA (Ecstasy) für den Eigenbedarf entkriminalisiert. Auch die Regelung zur Höchstgrenze der Menge der mitgeführten Drogen wurde inzwischen entschärft: Solange bewiesen werden kann, dass die Stoffe für den Eigenbedarf bestimmt sind, gibt es auch bei größeren Mengen keine automatischen strafrechtlichen Konsequenzen.

Keine Frage der Sicherheit

Doch es ist nicht die Entkriminalisierung an sich, die Portugals Ansatz so wirksam macht, sondern das komplette Umdenken im System. Das zeigt sich schon daran, dass seit 2001 nicht mehr das Justizministerium für das Thema Drogen und Suchtmittel zuständig ist, sondern das Gesundheitsministerium. Drogenkonsum wird also nicht mehr vordergründig als Straftat betrachtet, sondern als Ausdruck gesundheitlicher Probleme – und Abhängige dementsprechend behandelt.

Wer mit einem Joint, Kokain, Heroin oder anderen Drogen erwischt wird, die Höchstmenge aber nicht überschreitet, wird nicht mehr vor Gericht zitiert, sondern muss innerhalb von drei Tagen bei einer „Kommission zur Vermeidung des Drogenmissbrauchs“ vorstellig werden. Dort führen Psycholog:innen, Soziolog:innen und Sozialarbeiter:innen Aufklärungsgespräche und beraten zu Therapieangeboten, entsprechend der jeweiligen Vorerfahrungen und Probleme der Menschen. 

Sie stellen Fragen wie: “Hast du Schmerzen?”, oder: “Hast du Angst?”, erkundigen sich nach Gewalterfahrung und sozialem Halt. Bei allen, die in einem stabilen Umfeld leben und nicht regelmäßig Drogen konsumieren, bleibt es zunächst bei einer Aufklärung. Wer wiederholt vorstellig wird, muss ein Bußgeld in Höhe von 30 bis 40 Euro zahlen und kann beispielsweise zu sozialer Arbeit verpflichtet werden. Schwerstabhängigen wiederum wird ein Kontakt zum Methadon-Bus vermittelt. 

Gesundheitsfürsorge statt Gefängnis 

Zwei Methadon-Busse gibt es aktuell in Lissabons Innenstadt. Hier erhalten Abhängige regelmäßig Zugang zu dem Opioid, das als Ersatzmittel für Heroin ausgegeben wird. Für viele von ihnen ist der Zugang zu dem Substitutionsmittel, das die Entzugserscheinungen lindert, grundlegend für die Chance, ein halbwegs normales Leben führen zu können. 

Die Dosierung und Ausgabe wird dabei streng überwacht. Nur wer vorher eine Urinprobe abgegeben hat, erhält Methadon in angepassten Mengen – denn für Nicht-Süchtige könnte der Wirkstoff schwere gesundheitliche Folgen haben. 

Neben der kontrollierten Ausgabe von Methadon erfüllen die Busse auch noch eine weitere wichtige Funktion: Sie bieten zusätzliche Möglichkeiten zur Überwachung und Gesundheit der Drogenabhängigen. Viele von ihnen nehmen andere Gesundheitsangebote nicht wahr oder können sie nicht wahrnehmen. 

Die Untersuchungen, die das Gesundheitspersonal der Methadonbusse leistet, sind umso wichtiger, als der Großteil der Menschen, die sie erreichen, älter als 45 Jahre sind. Denn unter Jugendlichen spielt der Heroinkonsum in Portugal kaum noch eine Rolle. Zwar steigt im Verhältnis dafür der Konsum an Marihuana und synthetischen Drogen, ganz allgemein geht der Drogenkonsum in der gesamten Gesellschaft, insbesondere aber unter Jugendlichen, eher zurück. 

Warum der Staat lieber selbst spritzt

Finanziert werden die Busse durch Spenden, zum Großteil aber durch staatliche Mittel.
Sie sind nicht die einzige Maßnahme zur Unterstützung Suchtkranker: Eigens dafür errichtete Zentren bieten ihnen Zugang zu Duschen und Essen – und fungieren als Orte sicheren Konsums. Hier ist es möglich, zu rauchen oder zu spritzen. Am besten unter Aufsicht, denn die Krankenschwestern und Pfleger stellen saubere Spritzen zur Verfügung und helfen auf Wunsch beim Setzen der Nadel. 

Das mag drastisch klingen, hat aber gesundheitlich gute Gründe. Zum Höhepunkt des Heroin-Konsums in den 1990er Jahren konnte die Hälfte aller Neuerkrankungen an HIV/AIDS auf Drogenkonsum zurückgeführt werden. 

Noch 2007 standen 20 Prozent der HIV-Neudiagnosen in Portugal im Zusammenhang mit Drogen. 2014 waren es nur noch vier Prozent. Suchtkranke Menschen würden so oder so konsumieren, so das Argument – besser also, wenn sie es tun können, ohne sich zusätzlichen gesundheitlichen Risiken auszusetzen.

Eine andere Wahrnehmung

Die Sucht als Krankheit anzuerkennen, bringt dabei auch mit sich, dass Abhängige nicht mehr nur über ihren Konsum wahrgenommen und als kriminell und potenziell gefährlich stigmatisiert werden. Stattdessen stehen Beweggründe, mögliche Hilfen und vor allem der Mensch hinter der Suchterkrankung wieder im Mittelpunkt:

“Zunächst schauen wir immer auf den Menschen. Nicht auf die Drogen”, so formuliert es Nuno Capaz, einer der Leiter:innen der Einrichtung in Lissabon, gegenüber dem Euromagazin.

Der Haltungswechsel zu mehr (Gesundheits)Fürsorge statt Verurteilung von Drogenkonsument:innen hat damit gesamtgesellschaftliche Auswirkungen. Denn so kann die große Kluft zwischen Abhängigen und dem Rest der Gesellschaft, vor allem auch Vertreter:innen des Systems, wie Sozialarbeiter:innen oder Gesundheitspersonal, deutlich verringert werden. 

Immer mehr Abhängige nehmen die Hilfen an, die ihnen geboten werden – ein Zeichen zunehmenden Vertrauens gegenüber den vom Staat geschickten Menschen in den Methadon-Bussen und Suchtzentren. Dieses Vertrauen ist nicht nur grundlegend für eine bessere medizinische Versorgung, sondern auch für eine langfristige Wiedereingliederung in die Gesellschaft.

Um dafür auch von Seiten der Bevölkerung eine größere Akzeptanz zu schaffen, leisten die Ärzt:innen der Methadon-Busse Unterstützung und Aufklärung in den Nachbarschaften, in denen die Busse unterwegs sind. Sie sprechen mit Anwohner:innen und reinigen die Straßen und Grünstreifen von gebrauchten Spritzen, um Vorbehalten vorzubeugen.

Erfolg durch Haltungswechsel und Prävention

Doch Portugal setzt nicht nur auf nachträgliche Versorgung, sondern auch auf Prävention, insbesondere bei Jugendlichen. In Schulen, an Universitäten und bei kulturellen Veranstaltungen wird über Drogenkonsum aufgeklärt. Mit Erfolg: Befragungen zeigen, dass junge Menschen in Portugal weniger Drogen konsumieren als in vielen anderen EU-Ländern.

All diese Maßnahmen zeigen Erfolg. Am deutlichsten spiegelt der sich wohl in der Zahl der Menschen wider, die an den Folgen von Drogenkonsum sterben. Vor 25 Jahren lag sie in Portugal bei 80 pro eine Million Einwohner. Laut jüngsten Daten der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EUDA) liegt sie heute bei deutlich unter 20 Drogentoten pro eine Million Einwohner – und damit unter dem EU-Durchschnitt von 25.

Exporterfolg für ganz Europa?

Portugal ist nicht das einzige Land, das in Sachen Umgang mit Drogen neue Wege einschlägt. In der Schweiz und in Tschechien beispielsweise wurden Teile des Modells bereits übernommen. In Deutschland nimmt immerhin die Akzeptanz zu, Drogenkonsum offen zu adressieren und Beratung über Kriminalisierung zu stellen, beispielsweise durch Drug-Checking, also das legale Überprüfen von Drogen auf ihre Inhaltsstoffe.

Seit 2023 können Menschen in Berlin an drei Standorten innerhalb der Stadt Substanzen abgeben – die chemische Analyse der Inhaltsstoffe erfolgt kostenlos und anonym. Finanziert wird das Modellprojekt vom Land Berlin. Neben der chemischen Analyse bieten die Anlaufstellen auch Beratung zu bewusstem Konsum und Risiken. Der niedrigschwellige Ansatz funktioniert, so das Ergebnis einer Evaluation der Charité. Demnach zeigten die Ergebnisse, “dass das Berliner Drug-Checking-Modellprojekt effektiv dazu beiträgt, Gesundheitsrisiken zu reduzieren und einen bewussteren Umgang mit psychoaktiven Substanzen zu fördern”.

In Mecklenburg-Vorpommern gibt es seit 2024 eine rechtliche Grundlage für Drug-Checking, zum Beispiel auf dem Fusion-Festival. In NRW sind Drogentests in Drogenkonsumräumen erlaubt. Erst Anfang Juni stimmte auch in Schleswig-Holstein das Gesundheitsministerium einem entsprechenden Entwurf zu, der Drug-Checking erlaubt.

Die Umsetzung solcher Maßnahmen ist allerdings nicht immer leicht, auch, weil häufig das Geld fehlt. Kritische Stimmen bemängeln zudem, dass die Drogenbeschaffung dadurch nicht bekämpft würde. Entkriminalisierung allein reicht also nicht aus. Aber Portugals Modell zeigt: Menschen, die Drogen konsumieren, zu beraten und zu unterstützen anstatt zu bestrafen, ist langfristig erfolgreich.

Beitragsbild: Mobile Drogenhilfe in Köln. In einem Fahrzeug finden Beratungen statt, im anderen Konsum unter medizinischer Aufsicht. Bild von © Raimond Spekking via Wikimedia Commons