In diesem Format zeigen wir, wie die Säulen der KräftigeGüteStiftung – Polizei, Justiz, Politik und Diplomatie – von einer positiven Fehlerkultur profitieren können. Historische Beispiele und aktuelle Erfolgsbeispiele verdeutlichen: Ein Umfeld, in dem Menschen einen Anreiz verspüren, Verantwortung für ihre Fehltritte zu übernehmen, fördert bessere Prozesse und stärkt das Vertrauen untereinander.
Nicht die Unantastbarkeit, sondern die Fähigkeit zur Selbstkorrektur macht den Staat stark. Das gilt besonders in Zeiten komplexer politischer Krisen. Aber ist es in der deutschen Demokratie möglich, Fehler zuzugeben und aus ihnen zu lernen? Wo fängt ein Fehler in der Politik an und wo hört der Meinungsstreit auf? Ein Text darüber, wie Fuck-Up-Nights und die Talkshow-Auftritte der Altkanzler dabei helfen, bessere Entscheidungen für alle zu treffen.
Ein wertvoller Baustein gütekräftiger Politik
„Es ist gesunder Menschenverstand, eine Methode zu wählen und es zu versuchen. Wenn sie scheitert, gestehe es offen ein und versuche eine andere. Aber vor allem: Versuche etwas.“ Franklin D. Roosevelt
Dieses Zitat von Franklin D. Roosevelt aus seiner Rede an der Oglethorpe University im Jahr 1932 verdeutlicht eine Haltung, die in der Politik oft als Schwäche betrachtet wird: das Eingeständnis von Fehlern. Roosevelt, damals Gouverneur von New York und späterer Präsident der Vereinigten Staaten, erkannte die Bedeutung von Fehlern als Lernchancen und als Grundlage für Innovation und Fortschritt – und setzte dabei auf offene, vertrauensvolle Kommunikation, die auch anderen zeigt, dass Fehlbarkeit menschlich ist. Inmitten der Großen Depression forderte er eine Politik des „kühnen, beharrlichen Experimentierens“, um Lösungen für drängende Probleme zu finden.
Diese Perspektive auf Fehler als notwendige Schritte im Lernprozess ist heute relevanter denn je. In einer Zeit, in der politische Entscheidungen zunehmend komplex und ihre Auswirkungen oft unvorhersehbar sind, müssten Eingeständnisse statt als Schwäche, vielmehr als verantwortungsbewusstes Handeln gesehen werden. Ein solcher Umgang mit Fehlern ist gütekräftig, denn er fördert nicht nur einen menschlichen Umgang mit denjenigen, die dem Staat dienen, sondern fördert erwiesenermaßen gleichzeitig die Effektivität der politischen Arbeit.
Dies geschieht unter anderem, indem Prozesse für alle transparenter werden und zugleich das Vertrauen der Bürger in ihre Institutionen wächst. Lokal- und Spitzenpolitiker gleichermaßen können hier von Rettungsorganisationen lernen. Diese müssen gewährleisten, Fehler rechtzeitig zu erkennen und aus ihnen zu lernen, um ihre Aufgabe zuverlässig erfüllen zu können und Menschenleben zu retten.
Fehlerkultur: Der Status quo
In der Wirtschaftswissenschaft ist die Notwendigkeit eines funktionierenden Qualitätsmanagements mit konstruktiven Verbesserungsstrategien ebenfalls bekannt. Doch obwohl hinlänglich erwiesen ist, dass eine mangelnde Fehlerkultur Innovation in Unternehmen ausbremst und trotz zunehmender Diskussionen in der Bevölkerung, bleibt der persönliche Umgang mit Fehlern im professionellen Bereich für viele in Deutschland herausfordernd.
Vier von zehn jungen Erwachsenen hierzulande trauen sich nicht, Fehler auf der Arbeit zuzugeben.
Eine aktuelle AXA-Studie zum Thema, bei der mehr als 2.000 Personen befragt wurden, zeigt: Vier von zehn jungen Erwachsenen hierzulande trauen sich nicht, Fehler auf der Arbeit zuzugeben. Als Grund gaben knapp 25 Prozent von ihnen an, sie würden mit negativen Konsequenzen rechnen müssen. Doch der Trend könnte sich zukünftig wandeln. So berichtete die Mehrheit der Befragten unter 25, dass Fehler mittlerweile gesellschaftlich mehr akzeptiert würden.
Doch dies auf öffentliche Bereiche wie die Politik zu übertragen, ist herausfordernd. Insbesondere für Mandatsträger kann jede falsche Entscheidung, jede Unachtsamkeit bedeuten, im besten Falle die Gunst des Wählers zu verlieren und im schlimmsten Falle gesellschaftlichen Schaden anzurichten. Hinzu kommt, dass die Bewertung politischer Fehler in der Regel Ansichtssache ist. Angefangen bei der Frage, was überhaupt ein Fehler ist. Schon hier kommt es häufig zu unerbittlichen Meinungsstreits.
Vertrauen (zurück)gewinnen?
Ungeachtet dessen wird in den letzten Jahren häufiger auch in der deutschen Spitzenpolitik über die menschliche Dimension politischer Fehler gesprochen. Der damalige Vizekanzler Robert Habeck (Bündnis 90/die Grünen) etwa versprach bei Regierungsantritt ein „lernendes Deutschland, eine lernende Politik“. Seine Kollegin, die damalige Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD), trat infolge von Vorwürfen hinsichtlich ihrer Amtsführung zurück und entfachte damit eine angeregte Diskussion über eine authentische Fehlerkultur in Deutschland.
Die Bedeutung einer solchen thematisierte zuletzt die amtierende Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) bei ihrer Antrittsrede: „Eine offene Fehlerkultur kann uns (…) helfen, verlorengegangenes Vertrauen in die Politik wiederzugewinnen.“ Doch Julia Klöckner selbst verspielte in der Vergangenheit Vertrauen in die deutsche Politik, als sie sich etwa im Zuge der Kontroverse um ihr Video mit dem Deutschland-Chef von Nestlé, wenig kritikfähig zeigte.
„Eine offene Fehlerkultur kann uns (…) helfen, verlorengegangenes Vertrauen in die Politik wiederzugewinnen.“
Fehlerkultur in der Politik utopisch?
Häufig gelte das aktive Umgehen schwieriger Debatten als quasi-alternativlos, sagt die Journalistin Helene Bubrowski: “In der Praxis sind Kommunikationsexperten am Werk, die taktisch denken und meistens von Fehlerbekenntnissen abraten. Das hat seine Gründe. Ich appelliere nur dafür, auch die Kosten für die Glaubwürdigkeit von Politik nicht zu vergessen.“ Denn auch in der Politik sind nicht alle Fehler eine Frage der persönlichen Meinung. Ein konstruktiver Umgang mit objektiven Fehlentscheidungen bedeutet, faktenbasierte Kurskorrekturen vorzunehmen, um Fortschritte zu machen oder Schaden für die Gesellschaft zu mindern.
„Wichtig ist, zu erkennen zu geben, dass man sich der Verantwortung bewusst ist und bereit ist, aus seinen Fehlern zu lernen”
Als Robert Habeck seinen Staatsminister, Patrick Graichen, wegen Vorwürfen der Vetternwirtschaft entließ, waren die Reaktionen der Öffentlichkeit sehr unterschiedlich: Während die einen die Kurskorrektur lobten, empörten sich andere über den Umgang Habecks mit der Kritik. Kommunikation kommt beim Aufbau einer neuen Fehlerkultur eine Schlüsselaufgabe zu: „Wichtig ist, zu erkennen zu geben, dass man sich der Verantwortung bewusst ist und bereit ist, aus seinen Fehlern zu lernen”, erklärt Helene Bubrowski.
Merkels Selbstkritik nach dem Karriereende
Verantwortung zu übernehmen, indem Zugeständnisse von Schwäche und Fehlbarkeit gemacht werden, fällt nach dem Ausscheiden aus einem hohen politischen Amt mit all seinem Perfektions- und Performance-Druck leichter. Dennoch ist es nicht selbstverständlich, wie offen Altkanzlerin Angela Merkel aktuell einige ihrer Regierungsentscheidungen reflektiert.
„Begegnen wir Menschen mit Würde oder setzen wir Wasserwerfer ein?“
In einem SPIEGEL-Spitzengespräch mit Markus Feldenkirchen blickte die Bundeskanzlerin a.D. zehn Jahre später auf ihre Entscheidungen während der “Flüchtlingskrise” 2015 zurück. Sie verteidigte einerseits ihr damaliges Handeln unter dem Leitspruch “Wir schaffen das”, ungeachtet offener Feindschaft und blankem Hass, die ihr entgegenschlagen.
Ihre zentrale ethische Frage jener Zeit beschrieb sie unbeirrt wie folgt: „Begegnen wir Menschen mit Würde oder setzen wir Wasserwerfer ein?“ Merkel erklärte, sie habe darüber nachgedacht, was die Würde des Menschen in dieser Situation gebiete. Zugleich räumte sie auch ein, dass die Vielzahl der Geflüchteten, die nach Deutschland kamen, zum Aufstieg der AfD beigetragen habe. Dennoch habe sie alles daransetzen wollen, gemeinsam mit vielen anderen Menschen im Land zu helfen – und dabei „unseren Wertevorstellungen einigermaßen zu entsprechen“.
Mitgefühl statt Härte, auch wenn der Preis hoch ist
Altkanzlerin Merkel machte damit deutlich, dass Politik immer auch eine moralische Entscheidung ist – und dass echtes Verantwortungsbewusstsein oft bedeutet, sich für Menschlichkeit zu entscheiden, selbst wenn der Preis hoch ist. Gerade darin zeigt sich politische Gütekraft: der bewusste Verzicht auf Härte und Machtdemonstration zugunsten von Würde und Mitgefühl. Langfristig zeigt sich der Erfolg nicht nur moralisch, sondern auch überall dort, wo neues Miteinander bereichert. Entgegen populistischer Falschinformation, sind Generationen von Migranten gut ausgebildet und übernehmen Schlüsselfunktionen in einer alternden Gesellschaft mit vielen Herausforderungen.
Merkel lieferte darüber hinaus auch während ihrer aktiven Amtszeit Beispiele dafür, wie Kurskorrekturen in der Spitzenpolitik aussehen können: Im Frühjahr 2021, mitten in der Corona-Pandemie, hatte sie eine sogenannte Osterruhe angekündigt – zwei zusätzliche Ruhetage über Ostern, an denen das öffentliche Leben weitgehend stillstehen sollte, um die Ausbreitung des Virus zu bremsen. Nach massiver Kritik wegen der unklaren rechtlichen Grundlage und der kurzfristigen Umsetzung nahm sie die Entscheidung zurück, entschuldigte sich öffentlich und erklärte, die alleinige Verantwortung zu tragen. Diese Geste wurde im Nachhinein weithin als Ausdruck von Führungsstärke verstanden.
FuckUp-Nights für die Demokratie
Wie aber lässt sich eine solche Kultur des Eingestehens und Lernens über die oftmals entfernt erscheinende Spitzenpolitik hinaus auch in die Lokalpolitik und damit in die breite Gesellschaft tragen? Ein Format mit großem Potenzial, diese Haltung zu stärken, sind die sogenannten Fuckup-Nights. Das Konzept, das in der Grundform schon seit mehr als zehn Jahren existiert, ist simpel: Sprecher – meist Unternehmer – reden offen über ihre Fehler im beruflichen Kontext, um andere zu einem offeneren Umgang mit ihren eigenen Fehlern zu ermutigen.
In den letzten Jahren ist eine besondere Form entstanden: die „Fuckup Nights für die Demokratie“, bei denen teils recht bekannte Politiker sprechen. Dabei erhalten die Zuschauer außergewöhnlich intime Einblicke in die Gedankenwelt der Menschen, die ihre Interessen auf staatlicher Ebene vertreten. Denn diese berichten über Dinge, die in der oftmals eher glatt gebügelten Welt, in der sie sich sonst bewegen, gekonnt umschifft werden. So lernen sie sich auch untereinander noch einmal ganz neu kennen, wie das Beispiel Mario Voigt zeigt.
„Ich habe in diesem Moment einen kleinen Schneeball zu einer Lawine werden lassen.“
Der Landesvorsitzende der CDU Thüringen, der Ende 2024 die Nachfolge von Bodo Ramelow als Ministerpräsident des ostdeutschen Bundeslandes angetreten hat, begegnete mitten im Wahlkampf eben jenem Ramelow bei einer solchen Veranstaltung. Emotional schilderte er die Umstände, die 2021 dazu führten, dass die von ihm forcierten vorgezogenen Neuwahlen nicht wie geplant stattfanden. Gemeinsam mit Ramelows Linken, der SPD und den Grünen hatte seine Partei ein Jahr zuvor ausgemacht, den Landtag aufzulösen. Jedoch habe es in der CDU „ein Grummeln“ gegeben, das er unterschätzt habe, sagte Voigt und machte sich Vorwürfe, für das Scheitern verantwortlich zu sein: „Ich habe in diesem Moment einen kleinen Schneeball zu einer Lawine werden lassen.“
Ramelow, der dadurch trotz fehlender Parlamentsmehrheit noch bis 2024 Ministerpräsident blieb, zeigte sich von Voigts Worten „emotional berührt“, da es ihn lange beschäftigt habe, nicht mehr im Amt bestätigt worden zu sein.
Solche Momente zeigen, wie sich die politische Kultur verändert, wenn Machtträger nicht Unfehlbarkeit, sondern Lernfähigkeit demonstrieren. Wenn Politiker öffentlich Fehler eingestehen und empathisch miteinander umgehen, verzichten sie bewusst auf Härte und Konfrontation als Ausdruck staatlicher Autorität. Damit entsteht ein Raum der Gütekraft: Der Staat zeigt sich nicht als strafende Instanz, sondern als lernendes, menschliches Gebilde, das in seiner Fehlbarkeit Stärke beweist.
Gemeinsam statt gegeneinander
Dass dieses Prinzip weit über den Einzelfall hinaus trägt, zeigt die wachsende Resonanz der „Fuckup-Nights für die Demokratie“: In den vergangenen drei Jahren fanden rund 15 solcher Abende in ganz Deutschland statt, bei denen mehr als 60 Politiker ihre Fehlentscheidungen offen reflektierten, darunter weitere bekannte Persönlichkeiten wie Karin Prien, die heutige Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Die Veranstaltungen sind regelmäßig ausgebucht – ein deutliches Zeichen, dass Offenheit und Verletzlichkeit auch in der Politik Vertrauen schaffen können.
„Ich glaube, es ist für die Demokratie und für den gesellschaftlichen Zusammenhalt unglaublich wichtig, dass wir wieder lernen, uns so zu akzeptieren, wie wir sind.”
Wo früher Rechtfertigung dominierte, entsteht Dialog. Wo Macht demonstriert wurde, tritt Menschlichkeit hervor. Politiker, die ihre Verletzlichkeit zeigen, gewinnen Glaubwürdigkeit – nicht, obwohl, sondern weil sie Fehler eingestehen. Das Format der Fuckup-Nights übersetzt den Kern demokratischer Verantwortung in ein modernes Ritual der Gütekraft: Es macht deutlich, dass politische Stärke im Loslassen von Unfehlbarkeit liegt.
Rostocks Oberbürgermeisterin Eva-Maria Kröger (Die Linke), bringt es auf den Punkt, im Rahmen einer politischen Fuckup-Night sagte sie: „Ich glaube, es ist für die Demokratie und für den gesellschaftlichen Zusammenhalt unglaublich wichtig, dass wir wieder lernen, uns so zu akzeptieren, wie wir sind.”
Auch Nadine Julitz, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD in Mecklenburg-Vorpommern, betont, wie selbstverständlich Fehler als Lernchancen betrachtet werden sollten: Ihrer Tochter habe sie erklärt, dass ein misslungener Schreibversuch kein Scheitern, sondern Teil des Lernens sei – „Warum sollen wir das eigentlich nicht als Erwachsene genauso machen?“
Aus Fehlern lernen und es besser machen
Fehler sind keine Katastrophe – sie sind unvermeidlich. Entscheidend ist nicht, ob wir sie machen, sondern ob wir den Mut haben, daraus zu lernen.
Eine Gesellschaft, die Fehler nicht bestraft, sondern versteht, wird resilienter. Dasselbe gilt für den Staat: Wenn seine Institutionen – Politik, Justiz, Diplomatie oder Polizei – Fehlbarkeit nicht als Schwäche, sondern als Lernfeld begreifen, entsteht eine neue Form von Autorität. Nicht die Unantastbarkeit, sondern die Fähigkeit zur Selbstkorrektur macht den Staat stark. Das ist die Essenz gütekräftigen Handelns: Macht, die sich selbst zügelt, um dem Menschen zu dienen.
In den kommenden Teilen dieser Artikelreihe wird dieser Gedanke weitergeführt: Wir beleuchten, wie sich gütekräftiges Handeln in anderen Bereichen des staatlichen Wirkens zeigt – etwa in der Diplomatie, wo Rückzug manchmal mehr bewirkt als Konfrontation, in der Justiz, wo Einsicht und Milde Recht erst menschlich machen, und in der Polizei, wo Vertrauen oft stärker wirkt als Zwang. Gemeinsam ergeben sie ein Bild davon, wie der Staat Gütekraft leben kann – als Haltung, nicht als Ausnahme.
Beitragsbild: Supriya Chauhan auf Unsplash
Cerwinka, G., & Schranz, G. (2014). Fehler erlaubt: Aus Fehlern lernen, statt Schuldige zu suchen. Linde Verlag.
Taapken, N. (2018). Mangelnde Fehlerkultur bremst Innovation. Springer Fachmedien.

